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Von Peter Stevens, Principal Consultant, Namics AG
Freie Software hat sich in Firmen als Alternative etabliert. Doch noch immer beschäftigt die Frage, wie Anbieter und Anwender von Open-Source-Anwendungen profitieren können.
Unternehmen wollen Geld verdienen. Das gilt für die Anbieter von Informatik-Dienstleistungen genauso wie für die Firmen, welche diese Produkte einsetzen. Open-Source-Software (OSS) scheint da quer in der Landschaft zu liegen. Wo liegt also der Antrieb von Branchengrössen wie IBM, HP, Oracle, Sun und Co., in diesem Umfeld zu investieren?
Versteht man die Funktionsweise der freien Software-Welt, kann man deren Stärken für eigene Zwecke nutzen – als Anbieter wie als Anwender. Die Kräfte, die OSS freisetzt, helfen Kosten zu sparen, zusätzliche Ressourcen für ein Projekt zu gewinnen oder um Bewegung in einen festgefahrenen Markt zu bringen.
Freiheit: die treibende Kraft von OSS
Eigentlicher Begründer der Freien-Software-Bewegung ist Richard Stallman. Die wachsende Verbreitung proprietärer Lizenzen und Geheimhaltungsverträgen in den Achtzigerjahren behinderten ihn bei der Arbeit. Das war der Auslöser für ihn, das Modell Freier Software zu entwickeln. Ihre Nutzung ist zwar in einer Lizenz festgehalten, z.B. die von Stallman erfundene GNU General Public Licence, aber dies besagt, dass jeder die Software uneingeschränkt nutzen, studieren, anpassen und verbessern darf. Der Zugang zum Quelltext ist hierzu Voraussetzung. Die GPL besagt auch, dass Verbesserungen nur unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden dürfen.
Das Wort «frei» ist jedoch mehrdeutig. Stallman verstand den Begriff im Sinne von Redefreiheit. Daneben existieren andere, wirtschaftlich relevante Freiheiten, die im Zusammenhang mit Software zum Zug kommen: Frei wie „Freibier wird von den Konsumenten geschätzt“. Bei Software bedeutet dies, dass sie kostenlos verteilt wird und sich schneller verbreitet, als wenn Lizenzkosten anfallen. Frei wie eine verschenkte junge Katze bedeutet, dass der Beschenkte das Tier füttern und pflegen muss, auch bei Krankheit und Altersschwäche. Es fallen also Kosten an (ob die teure Rassenkatze respektive lizenzpflichtige Software wirklich weniger Futter und Pflege braucht, ist aber nicht so leicht zu beweisen). Zu guter Letzt bedeutet das Wort «frei» auch das Gegenstück zu «es kostet viel Geld». Obwohl Ressourcen für Entwicklung und Pflege viel stärker ins Gewicht fallen als Lizenzkosten, fast unbezahlbar ist jedoch der Zugewinn zusätzlicher Marktanteile oder die Lancierung eines neuen Produkts. In einem reifen Markt, etwa bei Office-Software, könnte es Milliarden verschlingen, ein neues Produkt zu etablieren. Open Source kann dieses Ziel wesentlich günstiger erreichen.
Den Markt neue aufteilen mittels OSS
Alle Produkte, ob Rasierklinge oder Software, durchlaufen den klassischen Lebenszyklus. Am Anfang steht die Erfindung und eine allfällige Rendite ist noch weit weg. Anschliessend folgt die Phase der Innovation und Expansion. Firmen beteiligen sich an der Idee und investieren in die Produktentwicklung. Der Innovationsgrad ist hoch, ebenso der Preis, um die Investitionen zu amortisieren. In der Konsolidierungsphase nimmt der Wettbewerb zu -- die Preise sinken, bis die Gewinner feststehen und sich die Verlierer zurückziehen. Damit geht auch der Innovationsgrad auf ein Minimum zurück. Die folgende Reifephase entpuppt sich als rentabelster Abschnitt des Zyklus.
Die Eintrittskosten für ein neues Produkt sind bei einem entwickelten Markt hoch und schrecken potentielle Marktteilnehmer ab. Will man keinen direkten Gewinn erzielen, so sieht das ökonomische Umfeld für eine neue Anwendung ganz anders aus. Software-Produkte können effizient von kleinen Gruppen erstellt werden. Schafft es die Software, breite Kreise anzusprechen, kann sie viele Ressourcen anziehen und eine rasante Entwicklung erfahren. Deshalb entstehen OSS-Projekte eher in reifen Märkten. Wichtige Beispiele hierfür sind Linux, die Bürosuite Open-Office, die Entwicklungs- und Anwendungsumgebung Eclipse und das CMS Typo3.
Erfolgreiche OSS-Geschäftsmodelle
Linux und Typo3 haben sich zwar in einem reifen Markt etabliert. Doch einen direkten ökonomischen Nutzen haben die Entwickler nicht davongetragen. Es sind aber einige Firmen entstanden, die ihr Geschäft auf OSS aufsetzen. Dabei haben sich bis heute diverse Geschäftsmodelle erfolgreich etabliert.
Optimierung: Die unteren Infrastruktur-Ebenen werden durch OSS-Software ersetzt. So ermöglicht etwa der Einsatz von freien Betriebssystemen Kosteneinsparungen. Dadurch steht ein grösseres Budget für die Applikationsebene bereit.
Doppellizenzierung: Eine OSS-Version ist einfach zu verteilen und kann dazu dienen, Wissen bei den Anwendern aufzubauen und die Akzeptanz in der Entwicklergemeinschaft zu erhöhen. Da Softwareanbieter, welche dieses Produkt integrieren, die eigenen Komponenten in der Regel nicht unter den GPL stellen wollen, kaufen sie eine entsprechende kommerzielle Lizenz, damit ihre Software proprietär bleibt.
Wartung und Unterstützung für OSS Software: Eine Anbieterin offeriert kommerziellen Support, regelmässige Updates und allenfalls Zertifizierungen für eine OSS-Anwendung. Da das Grundprodukt frei bleibt, kann es von jedermann ohne Vertrag evaluiert oder eingesetzt werden, was den Kreis der potentiellen Kunden vergrössert.
Beratung und Systemintegration: Während die Lizenzkosten für Software sinken oder im Falle von OSS sogar ganz wegfallen, besteht weitherhin der Bedarf für Systemintegration, Consulting und Realisierung.
Internet-Firmen, ASP: Solche Unternehmen bieten Informatik-Werkzeuge oder auch andere Produkte über Netzwerk- und webbasierte Plattformen an, aber nicht als klassische Software. Amazon verkauft Bücher, Google Werbung und Salesforce.com Online-CRM-Applikationen (Customer Relationship Management).
Integrierte Geräte: Die Anbieterin verkauft eine Hardware-Box wie etwa einen Router, nicht die Software, die darin arbeitet. Allerdings müssen in einem solchen Fall die jeweiligen Lizenzbedingungen respektiert werden. Viele Netzwerk-, Kommunikations- und Unterhaltungsgeräte setzen in ihrem Inneren OSS ein.
OSS zieht breite Kreise
Nicht nur Informatikanbieter setzen auf OSS. Auch die Geschäftswelt beginnt, das Potenzial für sich zu entdecken. So hat Dresdner Kleinwort Wasserstein, die Investmentbank der Deutschen Bank, eine Software namens Openadaptor entwickelt, um die Systemintegration zu vereinfachen. Andere Unternehmen, wie die Deutsche Bank, Bank of Halifax, Bank of Scotland oder Hewlett Packard haben diese Software eingesetzt, unterstützt und weiterentwickelt. Amazon fordert ihre Kunden auf, Buchrezensionen zu schreiben. Diese Meinungen bilden einen wichtigen Teil des Kaufprozesses und sind somit ein wesentlicher Mehrwert, welches Amazon selbst nie produzieren könnte. Und der Bund setzt auf eine Anwender-Community, um die Informatik-Projektmethode Hermes voranzutreiben.
Die verschiedenen OSS-Modelle machen nicht an der Software-Grenze Halt. Ein wichtiger Aspekt stellt die Einbindung der Kunden oder Anwender dar. Jede Firma sollte sich Gedanken machen, wie sie damit die eigene Marktposition stärken kann. Und nicht zuletzt ist dieses Vorgehen eine der Grundlagen fürs Web 2.0.
Kontakt:
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>>Open Source - Innovationsmodell: (April 07)
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