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Suchwörter: "oder" "und" Ausgabe 06/2007

Portrait Alfred Breu

Autor:

Alfred Breu,
Präsident Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik (seit deren Bestehen, 11 Jahre), Kaufmann, ursprünglich Bankangestellter mit rund 10 Jahre in der Informatik in Organisations- und Führungsaufgaben, in den Neunziger Jahren als Ressort-Personalleiter einer Grossbank tätig, wo u.A. die Informatik zum Betreuungsgebiet zählte. Die ZLI ist ein Verein mit rund 330 Mitgliedern, die Informatik-Lehrlinge ausbildenden Betriebe. Wirke in der Kommission Bildung von ICTswitzerland mit (Dossier Grundbildung) und im SVIB (Dachverband der Lehrmeistervereinigungen). Ich engagiere mich für Berufs- und Lehrstellenmarketing, die Qualitätsförderung in der Informatik-Grund- und Weiterbildung und für die Berufswettbewerbe.

Portrait Barbara Schiesser
Autorin:
Barbara Schiesser
ist Geschäftsleiterin von SwissICT und darüber hinaus Leiterin der SwissICT Fachgruppe „IT Service Management“. Bevor Barbara Schiesser zu SwissICT kam, war sie über mehrere Jahre bei HP in verschiedenen Funktionen tätig.

Informatikfachleute: Die Schere öffnet sich

fehlende IT-Fachleute führen zu grossen Lücken in Unternehmungen

Von Alfred Breu, Präsident ZLI und
Barbara Schiesser, Geschäftsleiterin, SwissICT

Die Anforderungen an die Professionalität der Informatiker steigt laufend und damit auch der Bedarf nach gut ausgebildeten Fachleuten. Das Interesse an einer Informatik-Grundbildung oder einem -Studium stagniert hingegen. In diesem Beitrag werden Lösungen vorgeschlagen, die aus dem Dilemma führen werden.

Der Mangel an qualifizierten Fachleuten und an deren Nachwuchs in der Informatik ist ein Dauerbrenner, derzeit häufen sich diesbezügliche Berichte und Informationen. Schrieb die NZZ im Januar «wir sind daran, einen lukrativen Wirtschaftszweig abzusägen», konnte man kürzlich lesen, wie eine Informatikfirma mittels Einsatz aller möglichen Tricks 150 Profis finden möchte. SAP meldet Fachleutemangel, CISCO ruft zu Sondermassnahmen auf, alle aus demselben Grund: der Markt ist trockener denn je, das Interesse der Jugend an einer Informatikkarriere ist drastisch zusammengebrochen. Wieso denn eigentlich?

Das Platzen der Dotcom-Blase und die unaufhörlich laufende Diskussion über Outsourcing und Offshore-Entwicklung haben sich negativ auf das Image der Informatik ausgewirkt. Da selbst unter Insidern kaum bekannt ist wie viele Leute in der Informatik und Telekommunikation arbeiten, wird bereits eine Meldung von einem Abbau von 200 Personen als existentielles Problem angesehen. Wüsste man, dass inzwischen wieder gegen 200’000 Personen in Informatik und Kommunikation arbeiten (BFS: Betriebszählung 2001 174000, 2005 156000), und das abbauende Institut gleichzeitig mehr als so viele Leute von einem anderen Profil sucht, wäre die Meldung keineswegs beunruhigend. So aber steigt die Beunruhigung, worauf die Menge jährlich abgeschlossener Lehrverträge seit 2000 um 30 Prozent fiel, trotz Wirtschaftsaufschwung ist noch keine Erholung festzustellen. Gleiches Bild an den Hochschulen: nach einem Hoch im 2000 mit 350 neuen Informatikstudierenden allein an der ETH Zürich haben im Herbst 2006 nur noch 116 nebst 65 an der Uni Zürich den Schritt zum Informatikstudium gewagt, der absolut tiefste Stand seit Bestehen der Lehrgänge. In 3 Jahren werden max. 90 davon als neu ausgebildete Hochschul-Informatiker an den Schweizer Markt gehen, ein Drittel des Bedarfs einer einzigen Grossbank! Beunruhigen muss auch die Erkenntnis, dass inskünftig jährlich 4'000 pensioniert werden und nur 2'000 ausgebildete an den Markt treten! Entsprechend unerfreulich sieht es im völlig trockenen Personalmarkt aus und es bestehen keine Aussichten auf Besserung! Es ist also dringend nötig etwas zu unternehmen.

Lösungsvorschlag 1:
Die Betriebe müssen das strategische Personalmanagement verstärken und Einfluss auf den Markt nehmen

Es steht in jedem Lehrbuch über das Personalwesen, dass das strategische Personalmanagement zentral ist. Nebst der Nachfolge-, Einsatz- und Einspringkandidaten-Planung und –Förderung stellt auch die Planung des quantitativen und qualitativen Bedarfs an Fachleuten eine wichtige Herausforderung dar. Es genügt jedoch nicht festzustellen, wie viele Leute man brauchen wird. Essentiell ist die Überlegung, woher diese kommen sollen, wie der Markt läuft und was diesen beeinflusst. Ganz besonders ist dessen sensitive Reaktion auf Meldungen zu beachten und zu berücksichtigen. Die in der Informatik vor allem in grösseren Betrieben/Abteilungen sehr verbreitete Delegation der Rekrutierung an Personalvermittler, die notfalls im umliegenden Ausland rekrutieren, oder das Verschieben der Aufgabe in Länder mit genügend geeignetem Personal, lässt eine volkswirtschaftlich bedenkliche Situation entstehen und genügt nicht mehr. Es ist nötig, dass die Informatik- und Personalverantwortlichen in den Markt eingreifen, den Markt machen. Umfassende Informationen sollen vor Fehlschlüssen abhalten, aktive Nachwuchsförderung die Lücken schliessen.

Lösungsvorschlag 2:
Gemeinsame Anstrengungen für eine offene Kommunikation und Stärkung des Selbstvertrauens

Zentrale Bedeutung für jede ICT-Firma oder IT-Abteilung nimmt die Kommunikation ein: Wie ein Verwaltungsrat seine Aktionäre regelmässig und gut informiert, um sie bei Stimmung zu halten, muss es auch die Informatik tun. Positive Meldungen, Präsentation von Erfolgsprojekten und ihrem Ergebnisbeitrag sollen Benützer und IT-Mitarbeitende bei Laune halten und den Markt positiv stimmen. Es ist tragisch, wenn selbst heute Informatiker düstere Zukunftsperspektiven nach aussen tragen. Es gibt kaum ein Berufsfeld, das dermassen positive Entwicklungen aufweist. Entsprechend sollte es nicht mehr vorkommen, dass IT-Leute sagen, sie könnten nicht guten Gewissens jemandem eine Informatikkarriere empfehlen…. Ein Gymnasiast sollte sich wieder für das Informatikstudium entscheiden, ohne fürchten zu müssen, nach dem Abschluss eine Stelle in Islamabad suchen zu müssen. Und Eltern sollten nicht mehr erschrecken, wenn Sohn oder Tochter mitteilt, sie würden nach der Schule eine Informatiklehre absolvieren.

Lösungsvorschlag 3:
Informatiker bilden den Nachwuchs selber aus

Alle Informatikbetriebe oder -Abteilungen müssen die Verantwortung für Ihren beruflichen Nachwuchs selber übernehmen, seien sie noch so klein. Die Schweizer Wirtschaft hat bei Abstimmungen über staatliche Eingriffe in die Berufsbildung wiederholt für die Freiheit der Wirtschaft plädiert, richtigerweise. Jetzt ist es an dieser Wirtschaft, für ihren Informatik-Fachleutenachwuchs zu sorgen. Ziel: Gute Betriebe bilden aus und schaffen Ausbildungsplätze. Als Faustregel gilt: ein Ausbildungsplatz auf 5 Fachleute. Das sind also 20%, aufgeteilt auf die 4 Jahre der Ausbildung also 5%. So gross ist die Berufsfluktuation (nicht zu verwechseln mit der Betriebsfluktuation).

Erster Schritt:
Ein Nachwuchsförderungskonzept pro Betrieb

Das strategische Personalmanagement für Informatik in den Betrieben ist auszubauen. Quantität und Qualität des Personals ist langfristig zu planen und Massnahmen sind konsequent umzusetzen. Mit der Ausrichtung auf die notwendige Professionalitätsstruktur ist ein Konzept nötig, das auf folgenden Pfeilern beruht:

Weiterbildungsangebote nach der Lehre 

 

Zweiter Schritt:
Informatik-Grundbildung in jedem Informatikbetrieb oder Informatikabteilung

Mit der Ausbildung von Lernenden im System der 4-jährigen dualen Berufslehre wird das Fundament gelegt. Im praktischen learning by doing werden die jungen Leute in die Arbeitsprozesse des Betriebs eingeführt und übernehmen immer komplexere Aufgaben. Allenfalls kann diese durch ein Basislehrjahr unterstützt werden oder in einem Lehrbetriebsverbund stattfinden. Ausbilden kann man auch durch Übernahme von Lernenden aus einer Informatikmittelschule oder Privatschule in ein einjähriges Praktikum. Die Informatik-Lehre hat sich bewährt, findet die Anerkennung der Betriebe und hat an den Berufsweltmeisterschaften bewiesen, dass sie im internationalen Vergleich sehr gut abschneidet. Eine umfassende Studie belegt zudem, dass die Berufslehre auch aus wirtschaftlicher Sicht lohnenswert ist. Richtig gemacht, Lernende gut eingesetzt und Arbeitsleistungen verrechnet, sollte sich bereits aus einer 4-jährigen Lehre ein Return on Investment von rund CHF 100'000.— ergeben. Verbleiben die Absolventen noch wenige Jahre, ergeben sich durch Wegfall von Anstellungs- und Einführungskosten beachtliche Profite. Übrigens ist kaum ein Betrieb zu klein, um selber Ausbildner zu sein. Eine Fachperson mit einer lernenden Person bilden ein Arbeitsteam.

Dritter Schritt:
die Nachlehrförderung – Perspektiven nach der Grundbildung

Vertiefungsangebot und das Aufzeigen von Perspektiven für die guten Abgänger der Grundbildung (1-2 Jahresprogramm) bilden den nächsten Schritt. Sehr häufig können sie auf diese Weise im Lehrbetrieb gehalten werden und übernehmen wichtige Positionen (Fach- und/oder Führungskarriere). Diese Nachwuchsleute sind zusätzlich in die höhere Berufsbildung zu entsenden. Ab diesem Moment wird die Bildungsanstrengung zum echten Profit für die Firma: Hier entstehen die am besten ausgebildeten Fachleute, die Kosten für deren Anstellung entfallen vollständig (Vermittlerkosten von 3 Monatslöhnen, Einführungskosten von bis zu 9 Monatslöhnen).

Vierter Schritt:
Höhere Berufsbildung

Entsprechend dem Bedürfnis der Firma sind die Nachwuchsleute zum Besuch einer Fachhochschule oder höheren Fachschule mit eidg. anerkannten Abschluss zu motivieren und zu untestützen. Diese Bildung kann berufsbegleitend oder im Vollzeitstudium erfolgen. Die duale höhere Berufsbildung mit dem eidg. Fachausweis und eidg. Diplom ist hingegen jedem/jeder einigermassen guten Abgänger/-in der Grundbildung nahezulegen.

Umsetzung dieser Vorschläge

Im Interesse jeder an sich glaubenden Firma und der schweizerischen Volkswirtschaft ist mit der Umsetzung des Konzepts möglichst rasch zu beginnen. Verbände, Betriebe und Personalvermittler sind gefordert. Die Lehrmeistervereinigungen und die kantonalen Berufsinspektorate stehen Interessierten tatkräftig zur Verfügung. Dieses Konzept wird in Zürich durch die Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik (www.zli.ch) regelmässig präsentiert und durch Beispiele illustriert. Ein nächster Anlass findet am 24. August von 11.00 bis 13.30 h in Zürich-Altstetten statt (www.zli.ch, Veranstaltungen)

Kontakt

ZLI
Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik
Hohlstrasse 550
8048 Zürich

Tel. 044 435 30 90
Fax 044 435 30 99

www.zli.ch


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