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Von Bob Schneider, Geschäftsführer
Institut für Emotionale Kompetenz
Während früher im Beruf nur das Rationale zählte, soll man
jetzt – um den neusten Trends der Managermagazine zu entsprechen – auf einmal möglichst emotional sein. Doch sind Emotionen im Arbeitsalltag
wirklich immer hilfreich? Wie soll man sich verhalten, wenn man in schwierigen Konfliktsituationen mit
Emotionen wie Wut oder Verzweiflung zu tun hat? Inwiefern kann uns da der häufig missverstandene
Begriff der Emotionalen Intelligenz (EQ) wirklich weiter helfen?
Am Anfang des letzten Jahrhunderts hat der berühmte Soziologe und Organisationstheoretiker Max Weber
das Ideal moderner Organisationen wie folgt beschrieben: “Der ideale Beamte waltet seines Amtes
ohne Hass und Leidenschaft, daher ohne Liebe und Enthusiasmus.“ Dieses Gebot, dass während der
Arbeit möglichst nicht gefühlt werden soll, hat sich erstaunlich lange gehalten und scheint auch heute
noch in vielen Unternehmen zu gelten. An erster Stelle stehen Zahlen, Daten und Fakten. Emotionen
werden dagegen nach wie vor von vielen als irrational und störend für den Arbeitsprozess betrachtet.
Offensichtlich herrscht also in Sachen „Umgang mit Emotionen“ auch heute noch in vielen Unternehmen
der Schweiz eine gewisse Ratlosigkeit – um nicht zu sagen Naivität. Denn die Vorstellung, dass Emotionen
im Arbeitsleben keine Rolle spielen sollten, ist alles andere als realistisch – sie ist geradezu irrational
Emotionen gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen. Neurobiologen und Psychologen gehen
neuerdings sogar davon aus, dass letztlich die Gefühle für unser Leben das bestimmende Leitmotiv
schlechthin sind. Welches Auto wir kaufen, welchen Mitarbeiter wir anstellen oder welchen Ferienort wir
wählen: Am Schluss entscheidet meistens das Gefühl.
Seit Daniel Goleman mit seinen Bestsellern über die Emotionale Intelligenz und den Erfolgsfaktor EQ
Gefühle selbst in den höheren Chefetagen ein Stück weit salonfähig gemacht hat, scheint sich nun auch
in der Schweizer Arbeitswelt etwas zu bewegen. Häufig wird der Begriff „Emotionale Intelligenz“ aber
fälschlicherweise noch gleichgesetzt mit Gefühlsduselei oder mit hemmungslosem Ausleben sämtlicher
Emotionen. Damit wird man dem EQ-Ansatz jedoch nicht gerecht. Doch was ist eigentlich mit EQ genau
gemeint?
Die vier Dimensionen von EQ
Man unterscheidet heutzutage üblicherweise zwischen vier verschiedenen Dimensionen, welche sich
durch die Kombination der Achse „Wahrnehmung – Verhalten“ mit der Achse „Innenwelt – Aussenwelt“
ergeben. Wichtig ist dabei zu bemerken, dass sich die vier Dimensionen aufeinander beziehen und auch
voneinander abhängig sind.
- a) Emotionale Selbstwahrnehmung
Gemeint ist die Fähigkeit, seine eigenen Emotionen bewusst wahrnehmen zu können. Dies klingt
einfach, stellt aber nicht selten die höchste Hürde dar im EQ-Lernprozess, zumal wir im Verlaufe
unserer Sozialisation häufig genau diese Fähigkeit verlernt haben. Wer in seiner Kindheit und
Jugendzeit immer wieder gehört hat, dass Emotionen stören und hinderlich seien, der hat meist
auch gelernt, sie so gut zu verstecken, dass ein Wiederentdecken nicht auf Knopfdruck möglich
ist. Emotionale Selbstwahrnehmung heisst im Prinzip nichts anderes als sich selbst gut zu kennen– mit all seinen eigenen Emotionen. Dies kann trainiert werden – z. B. durch eine intensive
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Beschäftigung mit der Grundhaltung der inneren Achtsamkeit.
- b) Selbstmanagement
Es geht nicht darum, dass wir all unsere Gefühle immer sofort ausleben sollen, sondern um ein
bewusstes und gezieltes Einsetzen der eigenen emotionalen Energie. Erst dadurch, dass wir unsere
Emotionen bewusst als solche erkennen, haben wir die Möglichkeit, sie bewusst kontrollieren
zu können. Dies kann bedeuten, dass wir eine Emotion bewusst nach aussen zeigen, es
kann aber umgekehrt auch bedeuten, dass wir sie eben bewusst nicht zeigen. Der entscheidende
Punkt liegt in unserer bewussten Entscheidung. Auf die Kurzformel gebracht: Wir haben unsere
Emotionen im Griff, nicht die Emotionen uns.
- c) Emotionale Fremdwahrnehmung / Empathie
Erst durch die bewusste Fremdwahrnehmung sind wir fähig, uns in einer sozialen Situation zu orientieren.
Erst durch das bewusste Erkennen der Bedürfnisse und Gefühlslagen unserer Mitmenschen
können wir uns ein klares Bild darüber verschaffen, mit wem wir es zu tun haben, welche
Erwartungen an uns herangetragen werden – aber auch welche Handlungsspielräume sich
uns eröffnen. Empathisch zu sein bedeutet nicht, auf alle Wünsche und Erwartungen der Mitmenschen
eingehen zu müssen. Vielmehr geht es darum, sich durch den emotionalen Radar ein
möglichst genaues Bild der Ausgangslage verschaffen zu können. Die Fähigkeit der emotionalen
Fremdwahrnehmung ist im Prinzip ein äusserst effizientes Informationsbeschaffungs-Instrument,
das uns in mancher Hinsicht dienlich sein kann.
- d) Soziale Kompetenzen
Erst mit der sozialen Kompetenz sind wir schliesslich in der Lage, unsere Wahrnehmungen und
die darin gespeicherten Informationen in gezieltes Handeln umzusetzen. Erst auf dieser Ebene
geht es darum, soziale Situationen zu antizipieren und die möglichen Folgen unserer Handlungen
abzuschätzen. Gute Kommunikation gelingt erst durch die Anwendung von sozialer Kompetenz.
Erst dadurch sind wir in der Lage, bewusst Ziele zu verfolgen und die zahlreichen Informationen,
welche wir dank unseres emotionalen Radars zur Verfügung haben, gezielt zu nutzen.
Verantwortung übernehmen
Soweit die vier EQ-Dimensionen. Wie aber kann uns dies nun helfen, wenn wir im Alltag mit konkreten
Konflikten umgehen müssen?
Natürlich ist es am einfachsten, wenn Konflikte auf der Sachebene gelöst werden können. Wo dies möglich
ist, hat man in der Regel auch keine echten Probleme in der Konfliktbereinigung. Weit schwieriger
wird es da, wo eigene und fremde Emotionen die Sache hochschaukeln, die Luft allmählich zum Abschneiden
dick wird und sich die Situation zuzuspitzen scheint. Wie soll man sich verhalten, wenn man
mit Angst, Enttäuschung, Misstrauen und Aggression zu tun hat? Wäre es da nicht viel einfacher – der
Maxime von Max Weber folgend – diese Gefühle aus der Arbeitswelt zu verbannen und sich auf die reine
Rationalität zu konzentrieren?
Es wäre zwar zweifellos einfacher, nur ist die Fragestellung falsch. Denn wir haben gar keine Wahl. Solche Emotionen gehören zu uns, weil wir nun einmal menschliche Wesen sind. Das einzig Vernünftige,
was wir in Anbetracht dieser Tatsache tun können, ist zu überlegen, wie wir am besten damit umgehen
können. Ein wichtiger Grundsatz in diesem Zusammenhang ist folgender: Emotionen haben immer eine
Wirkung – unabhängig davon, ob sie uns bewusst sind oder nicht. Unbewusste Emotionen haben allerdings die Tendenz, in den Untergrund bzutauchen und dort allmählich ein grosses destruktives Potenzial
zu entwickeln. Intrigen und kostenintensive Mobbing-Fälle haben immer verdrängte Aggressionen und
Konflikte als Ursache. Auch die menschlichen Tragödien, die sich in jüngster Zeit in Banken und Verwaltungen der Schweiz abgespielt haben, sind höchstwahrscheinlich auf solche Phänomene zurückzuführen.
Selbst das Scheitern von grossen Firmenfusionen und Umstrukturierungen lässt sich oft auf verdrängte
und im Unbewussten schwelende Konflikte zurückführen. Daher ist es weit vernünftiger, sich der Emotionen bewusst zu sein.
Emotionale Selbstwahrnehmung und Selbstmanagement bedeuten hier, die Verantwortung für alle eigenen
Emotionen zu übernehmen und damit möglichst zu verhindern, dass einige davon im Untergrund ein
destruktives Potenzial entwickeln. Überall dort, wo dies zudem von verantwortungsvollen Führungspersonen
aktiv vorgelebt wird, herrschen gute Voraussetzungen für eine konstruktive Streitkultur, in welcher
auch „negative“ Emotionen ihren Platz haben, ohne dass sie völlig ausser Kontrolle geraten und einen
grossen Schaden anrichten können. Denn nicht die völlige Abwesenheit von negativ besetzten Gefühlen
kann ein realistisches Ziel sein, sondern nur der bewusste und konstruktive Umgang damit. In diesem
Sinne stellt die praktische Umsetzung von EQ auch eine überaus rationale Handlungsoption dar. EQ im
Berufsalltag zu integrieren ist zwar eine Kunst – aber eine durchaus erlernbare, sofern man sich wirklich
darauf einlässt.
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