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Von Dr. des. Alexander Salvisberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Institut der Universität Zürich mit Schwerpunkt Arbeitsmarktforschung.
Der Arbeitsmarkt bestimmt heute mehr denn je die Rahmenbedingungen für den individuellen und gesellschaftlichen Wohlstand. Hier werden sowohl die beruflichen Perspektiven des Einzelnen geprägt, als auch entscheidende Weichen gestellt für den Erfolg von Unternehmen. Trotzdem ist die wissenschaftliche Forschung zu diesem zentralen Bereich gesellschaftlicher Realität eher dünn gesät. Ein langfristig angelegtes Forschungsprojekt an der Universität Zürich hat es sich zur Aufgabe gemacht, zur Schliessung dieser Wissenslücke beizutragen.
Stellenausschreibungen unter der Lupe
Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz beobachtet und analysiert langfristige Verschiebungen und aktuelle Trends des betrieblichen Personalbedarfs anhand von öffentlich ausgeschriebenen Stellen. Als Basis dient eine repräsentative, jährliche aktualisierte Erhebung von Stelleninseraten. Diese enthalten vielseitige Informationen zur ausgeschriebenen Stelle (etwa zur Tätigkeit und dem Arbeitsumfeld), zum personalsuchenden Betrieb (z. B. Branche, Standort) und zur gesuchten Person (geforderte Ausbildung, Erfahrung, Alter usw.). Ausserdem sind Stelleninserate weit verbreitet. Im Verlauf der letzten 50 Jahre sind diese zum eigentlichen Königsweg der Personalrekrutierung avanciert. Mit dem Aufkommen des Internets ist allerdings dem Presseinseratemarkt Konkurrenz erwachsen: Seit Ende der 90er Jahre graben elektronischen Stellenbörsen und Stellenausschreibungen auf firmeneigenen Internetseiten den Zeitungen das Wasser ab. Aus diesem Grund wurde die Erhebungsgrundlage des Stellenmarkt-Monitors in den letzten Jahren erweitert, so dass heute eine kontinuierliche Stellenmarkt-Beobachtung möglich ist, welche alle Ausschreibungskanäle abdeckt.
Das konjunkturelle Auf und Ab im Stellenmarkt
Welche Informationen gibt der Stellenmarkt einer systematischen Langzeit-Beobachtung preis? Zum einen fällt der enge Zusammenhang zwischen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und dem Volumen der ausgeschriebenen Stellen auf. Die Gesamtzahl der ausgeschriebenen Stellen schwankt ausgesprochen stark. So wurden etwa im Boomjahr 1973 fast fünfmal so viele Stellen ausgeschrieben, wie nach dem Konjunktureinbruch drei Jahre später. Auch zwischen 2001 und 2003 ist das Stellenangebot auf rund einen Drittel zusammengebrochen und in den letzten vier Jahren hat sich die Anzahl ausgeschriebener Stellen wiederum verdoppelt. Gerade in Phasen der wirtschaftlichen Trendwende schlagen die veränderten Zukunftserwartungen der Betriebe und ihr entsprechend angepasster Bedarf nach Personal sehr frühzeitig und direkt auf den Stelleninseratemarkt durch. Eine nähere Betrachtung dieser Schwankungen zeigt, dass alle Branchen und Berufsgruppen dasselbe Muster aufweisen. Kein Bereich des Arbeitsmarktes entzieht sich vollständig der umfassenden Ebbe- und Flut-Bewegung volkswirtschaftlicher Aktivität. Allerdings unterliegen nicht alle Jobs in demselben Ausmass den wirtschaftlichen Schwankungen. Es ist der industrielle und gewerbliche Bereich, dessen Arbeitskräftenachfrage am stärksten von der konjunkturellen Entwicklung abhängig ist. Am wenigsten stark davon betroffen sind demgegenüber die persönlichen Dienstleistungen, zum Beispiel im Gastgewerbe oder in hauswirtschaftlichen Berufen. So haben etwa auch die Stellenangebote im Produktionsbereich vom Aufschwung der letzten Zeit in überdurchschnittlichem Ausmass profitiert.
Steigende Anforderungen
In den Angaben der Stelleninserate deutlich erkennbar ist aber auch, wie sich die durchschnittlichen Qualifikationsanforderungen seit 1950 nach und nach erhöht haben. In der Folge verschwinden Stellenangebote für Personen ohne Berufslehre immer mehr, während der Anteil der Inserate zunimmt, in denen höhere oder zusätzliche – über die Berufslehre hinaus gehende – Bildungsabschlüsse verlangt werden. Dies bedeutet ein langfristig starkes Schrumpfen des ohne besondere Qualifikationen zugänglichen «Jedermannarbeitsmarkts». Verantwortlich dafür sind zuallererst die Verschiebungen in der Zusammensetzung des Stellenangebots nach Berufen. Während für die grösstenteils unqualifizierten Arbeiten in privaten Haushalten und in der Landwirtschaft schon seit 1950 kontinuierlich weniger Personal gesucht wird, signalisiert die Krise Mitte der 70er Jahre den Anfang des anhaltenden Rückgangs der Arbeitskräftenachfrage im Produktionsbereich. Dabei verschwinden hier vor allem Stellen mit geringen Ausbildungsanforderungen, während technische Fachkräfte und Ingenieure nach wie vor gesucht sind. Die personalsparende Automatisierung der Produktionsprozesse und die Auslagerung ganzer Produktionseinheiten in Länder mit tieferen Lohnkosten schlagen so direkt auf Qualität und Quantität der Nachfrage auf dem inländischen Arbeitsmarkt durch.
Neue Stellen kommen ab den 80er Jahren vor allem aus dem Bereich unternehmensbezogener und sozialer Dienstleistungen. Diese anspruchsvollen Tätigkeiten etwa bei den Finanzdienstleistungen, in der EDV oder im Gesundheits- und Bildungswesen zeigen ein deutlich anderes Jobprofil, als die verschwindenden manuellen Hilfsarbeiten in der Industrie. Dazu kommt, dass insbesondere ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre auch die Anforderungen innerhalb bestehender Berufe zunehmen: Für ähnliche Tätigkeiten werden fortlaufend höhere Ansprüche an die Qualifikation der Stellenbewerber gestellt. Direkte Folge dieser Trends ist ein empfindlicher Verlust von Stellen für Leute, welche die steil wachsenden Anforderungen der Betriebe nicht zu erfüllen vermögen.
Mehrdimensionale Stellenprofile
Die aktuellen Berufe verlangen dabei nicht nur nach einer höheren formalen Ausbildung, sondern auch persönliche Stärken und soziale Kompetenzen – oftmals unter dem Titel der „Soft Skills“ zusammengefasst – werden stark aufgewertet. Zugleich werden immer häufiger Berufserfahrung und oft auch spezifische Kenntnisse oder Weiterbildung vorausgesetzt. Die Anforderungen sind nicht nur gestiegen, sondern die Profile sind umfassender geworden. Auf dem Stellenmarkt ist eine gute Ausbildung zwar unentbehrlich, allerdings genügt diese alleine immer weniger. Dieser langfristige Trend wird auch durch die momentane Arbeitsmarktsituation – die in spezifischen Bereichen bereits durch einen Mangel an Fachkräften gekennzeichnet ist – keineswegs abgebremst. Als Beispiel mögen etwa die Ingenieure, die Informatiker, die Bank- und Versicherungsfachleute sowie die kaufmännischen Angestellten dienen: All diesen Berufen ist gemeinsam, dass die Nachfrage in letzter Zeit besonders stark gestiegen ist, gleichzeitig aber die bereits überdurchschnittlich hohen Qualifikationsanforderungen keineswegs zurück gegangen sind, ja teilweise – etwa bei der vorausgesetzten Erfahrung – sogar weiter zugenommen haben. Die Personalsuche ist damit über weite Strecken anspruchsvoller und auch aufwändiger geworden.
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