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Von Dr. Bettina Anne Sollberger und Prof. Dr. Norbert Thom, Universität Bern, Institut für Organisation und Personal (IOP)
Wissen wird heute als vierter Produktionsfaktor verstanden und für Unternehmen als strategisch entscheidend erachtet. Ausser Zweifel steht weiter die Bedeutung einer wissensfreundlichen Unternehmenskultur für den erfolgreichen Umgang mit Wissen. Oftmals unklar ist hingegen, wie eine derartige Kultur entwickelt werden kann. Oder wie sich Wissensmanagement im Arbeitsalltag umsetzen lässt und nicht bloss ein vielversprechendes Konzept bleibt.
Mit diesen Fragen setzt sich der vorliegende Beitrag auseinander. Er stützt sich dabei auf eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung zum Thema Wissenskultur und langjährige Erfahrung in der praktischen Umsetzung von Wissensmanagement in einer Grossunternehmung.
Wissenskultur: Was ist darunter zu verstehen?
Die Wissenskultur ist Teil der Unternehmenskultur und umfasst jene Aspekte, die für die Einführung
und Integration eines ganzheitlichen Wissensmanagements eine zentrale Rolle spielen. Vom Grad ihrer Ausprägung hängt es ab, ob der Umgang mit Wissen unterstützt, behindert oder sogar verunmöglicht wird.
Es zeigt sich, dass insbesondere die Werte Vertrauen, Zusammenarbeit, Offenheit, wahrgenommene Autonomie, Lernbereitschaft und Fürsorge eine wissensfreundliche Unternehmenskultur auszeichnen. Abhängig von den gelebten Werten in einer Unternehmung, erhält Wissen eine unterschiedliche Bedeutung, was sich z. B. im Umgang mit Veränderungen und Fehlern äussern kann. So wird in einem Start-up-Unternehmen die Kreativität unter den Mitarbeitern mit grosser Wahrscheinlichkeit höher gewichtet als in einer traditionsreichen Unternehmung mit stabilen Rahmenbedingungen. In diesem Umfeld wird eher versucht, das Bestehende zu bewahren. Veränderungen werden tendenziell vermieden.1
Als Fazit lässt sich festhalten, dass zwar jedes Unternehmen eine individuelle (Wissens-)Kultur besitzt, jedoch untersucht werden muss, ob diese die Erreichung der Unternehmensziele unterstützt oder behindert.2
Untersuchung Wissenskultur
In der Schweizerischen Post wurde im Rahmen einer Intensivfallstudie in vier Geschäftsbereichen3 deren Wissenskultur mit quantitativen4 und qualitativen Forschungsmethoden untersucht. Quantitativ wurden drei Hypothesen überprüft. Anschliessend wurden mit Gruppendiskussionen5 als qualitative Methode diese Ergebnisse verifiziert sowie vertieft. Die entscheidenden Erkenntnisse werden nachfolgend kurz umschrieben.
Die erste Hypothesenüberprüfung erbrachte den Nachweis eines positiven Zusammenhangs zwischen Wissenskultur und Wissensmanagement. Das heisst, in einem Umfeld, in welchem die Werte der Wissenskultur gelebt werden, wird Wissen auch eher geteilt, genutzt und angewendet.
Weiter liess sich zeigen, dass jene Untersuchungsbereiche, die von Anfang an im liberalisierten Markt oder seit längerer Zeit im Wettbewerb tätig sind (z. B. PostFinance), eine signifikant höhere Wissenskultur aufweisen als jene Bereiche, die noch mehrheitlich im Monopol agieren (z. B. PostMail). Entsprechend scheint die Rahmenbedingung „externer Wettbewerb“ einen positiven Einfluss auf die Entwicklung einer Wissenskultur auszuüben.
Die dritte Fragestellung befasste sich mit dem möglichen Zusammenhang zwischen Wissenskultur und Produktivität. In einem Zeitraum von drei Jahren (2002-2004) wurde der Zusammenhang zwischen diesen beiden Grössen in den drei Paketzentren der Post untersucht. Die Vergleichbarkeit der Zentren war gegeben, da diese gleichzeitig gebaut und Mitte 1999 in Betrieb genommen wurden. Dadurch sind zahlreiche, die Produktivität6 beeinflussende, interne Faktoren wie etwa die technische Ausstattung oder das Transportleitsystem nahezu identisch. Entsprechend bildet die Wissenskultur und demzufolge ein erfolgreiches Wissensmanagement einen entscheidenden Faktor für die Produktivitätsunterschiede in den Zentren. Werden Erfahrungen im Umgang mit Störfällen, wie ein Ausfall der Sortieranlagen, systematisch gesammelt und weitergegeben, wirkt sich dieser Prozess gemäss der Ergebnisse aus der Hypothesenüberprüfung positiv auf die Produktivität aus.
Die insgesamt sieben Gruppendiskussionen bestätigten die Resultate aus der Hypothesenanalyse. Bei der Beurteilung der bestehenden Wissenskultur kristallisierte sich die erhöhte Bedeutung informeller Netzwerke und der persönlichen Kontakte für einen erfolgreichen Wissenstransfer heraus.7
Entwicklung einer Wissenskultur – was ist zu beachten?
Kulturen sind grundsätzlich sehr schwer zu verändern,8
lassen sich jedoch mit geeigneten Massnahmen mittel- bis langfristig in die gewünschte Richtung lenken. Mit dieser Annahme vertreten die Verfasser einen integrativen Kulturansatz und eine ganzheitliche, systemische Perspektive.
Für eine bewusste Entwicklung einer wissensfreundlichen Unternehmenskultur spielt das Management eine ausschlaggebende Rolle. Das Verhalten von Führungspersonen wird von Mitarbeitern mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen und beobachtet. Hiervon wird abgeleitet, welche Verhaltensweisen akzeptiert sind und welche persönlichen Verhaltensarten eher zu Belohnung oder Bestrafung führen. Daher ist es entscheidend, dass sich Führungskräfte ihres eigenen Verhaltens bewusst sind und immer wieder reflektieren, ob sie die gewünschten Signale aussenden. Will ein Unternehmen eine Wissenskultur entwickeln und fördern, so hat das Topmanagement die entsprechenden Werte in seinem täglichen Verhalten vorzuleben.9
Neben dem entscheidenden Einfluss der Führungspersonen ist die Entwicklung einer Wissenskultur und damit eines wissensorientierten Unternehmens mit geeigneten Aktivitäten zu unterstützen. Für die Auswahl und Umsetzung der Massnahmen sind die Rahmenbedingungen und die Kultur der Unternehmung entscheidend.10
Entwicklung einer Wissenskultur bei der Schweizerischen Post
Die Schweizerische Post befindet sich seit längerer Zeit in einem fundamentalen Wandel: Der wachsende Wettbewerbsdruck und die Substitution des Briefes durch digitale Formen der Kommunikation führen dazu, dass Wissen und Information als Unternehmenswert laufend an Bedeutung gewinnen. Infolge dieser Erkenntnisse wurde 2002 auf Konzernebene eine Organisationseinheit ins Leben gerufen, die gemeinsam mit den Bereichen Massnahmen und Instrumente für einen gezielten Wissenstransfer entwickelt hat. Die inhaltlich sehr unterschiedlichen Aktivitäten unterstützen insbesondere einen persönlichen Wissensaustausch unter den Mitarbeitern.
Auf der Basis einer sechsjährigen Bilanz zeigen sich die Vernetzungsveranstaltungen sowie die Communities of Practice als besonders erfolgreich. Mit diesen verschiedenen Plattformen lassen sich die persönlichen Kontakte pflegen, die im heutigen Geschäftsleben unabdingbar sind. Via Networking kommt man zu wichtigen Informationen und lernt Experten kennen, die einem weiter helfen können. In einem Unternehmen der Grösse der Schweizerischen Post (52'000 Mitarbeiter) ist es unmöglich, all jene Personen zu kennen, deren Wissen und Kenntnisse für die eigene Arbeit wertvoll sind.
Communitites of Practice
Communities of Practice sind informelle Gruppen von Mitarbeitern, die sich selber organisieren und auf freiwilliger und persönlicher Basis treffen, um zu einem bestimmten Arbeitsgebiet Erfahrungen und Wissen auszutauschen und neue Lösungen zu entwickeln. Die Mitglieder können aus verschiedenen Bereichen und Hierarchiestufen stammen. Die Beteiligung erfolgt für jene Zeit, in der ein persönlicher Nutzen ersichtlich ist. Dank der Möglichkeiten der heutigen Informations- und Kommunikationstechnologie lässt sich der persönliche Austausch erfolgreich unterstützen. Als Grundlage der Communities of Practice wurde daher postintern eine intranetbasierte Applikation entwickelt, welche die Einrichtung von Collaboration-Plattformen auf einfache Art und Weise ermöglicht. Die Applikation wurde 2004 eingeführt und wiederkehrend gemäss den Wünschen der Benutzer ausgebaut. Aktuell gibt es bereits rund 150 solcher Netzwerke zu den unterschiedlichsten Themenbereichen wie z. B. internes Kontrollsystem Finanzen, Marktforschung, virtueller Postschalter oder Dialogverbesserung mit elektronischen Medien.
Vernetzungsveranstaltungen
Weiter werden themenspezifische, jedoch stets bereichsübergreifende Vernetzungsanlässe für unterschiedliche Zielgruppen angeboten:
Vernetzungsveranstaltung zu aktuellen Unternehmensthemen
Postorama ist die Vernetzungsveranstaltung der Post, die Mitarbeiter aller Hierarchiestufen bereichsübergreifend über aktuelle und zentrale Unternehmensthemen informiert und sensibilisiert. In den bisher mehr als 20 durchgeführten Anlässen ging es um Themen wie die Bedeutung von Grosskunden, Aktivitäten im Ausland, Vision oder innovative Kundenlösungen. Der im Anschluss jeweils angebotene Apéro bietet die Möglichkeit, das persönliche Netzwerk zu pflegen und zu erweitern. An den Veranstaltungen, die während der Freizeit besucht und in verschiedenen Regionen der Schweiz angeboten werden, treten stets Mitglieder der Konzernleitung und Referenten externer Unternehmen auf.
Vernetzungsanlass für Projektspezialisten
Effektive und effiziente Projekte sind entscheidend für den Unternehmenserfolg. Demzufolge ist ein regelmässiger, bereichsübergreifender Erfahrungstransfer für die Projektspezialisten der Unternehmung besonders wichtig. So entstehen gegenseitige Lerneffekte, Fehler können vermieden und die Qualität gesteigert werden. Aus diesem Grund werden vom Konzern regelmässig Fachveranstaltungen für Mitarbeiter im Projektmanagement durchgeführt. Neben theoretischen Inputs werden stets Praxisbeiträge aus der Post, aber auch aus externen Unternehmen präsentiert. Den Abschluss bildet jeweils ein Networking-Apéro.
Präsentation erfolgreicher Diplomarbeiten
Im Rahmen von berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildungen werden meist Diplomarbeiten verfasst, die sich mit Themen der eigenen Unternehmung auseinandersetzen. Am Diplorama werden die wichtigsten Erkenntnisse aus solchen Diplomarbeiten vorgestellt. Dadurch erhalten die Diplomanden eine Plattform, die ein Selbstmarketing und das Präsentieren vor einem grösseren Kreis erlaubt. Die Teilnehmer hingegen erhalten einen vertieften Einblick in ausgewählte Aspekte der Post und können im anschliessenden sozialen Teil ihre Kontakte pflegen.
Fazit: Führungskraft als entscheidender Faktor für die Entwicklung einer Wissenskultur
Ergebnisse aus der Intensivfallstudie mit der Befragung von tausenden von Mitarbeitern zeigen den zentralen Stellenwert der Wissenskultur für den Umgang mit Wissen und den Unternehmenserfolg. Um mittel- und längerfristig eine Wissenskultur zu entwickeln und zu fördern, kommt der Führung im Sinne einer positiven Vorbildwirkung eine entscheidende Rolle zu. Langjährige Erfahrungen der Schweizerischen Post verstärken zudem die Bedeutung von virtuellen und persönlichen Vernetzungsplattformen für die Entwicklung einer Wissenskultur.
Fussnoten
1Vgl. Sollberger, Bettina Anne (2006), S. 111 ff.
2Vgl. Sackmann, Sonja A. (2004), S. 24
3ExpressPost, PaketPost, PostFinance und PostMail
4Insgesamt wurden 22’198 Mitarbeiter befragt.
5An den Gruppendiskussionen waren 56 Mitarbeiter beteiligt.
6Die Produktivität wird als Anzahl verarbeitete Pakete pro Mitarbeiter und Stunde gemessen.
7Vgl. Sollberger, Bettina Anne/Thom, Norbert (2007), S. 25 ff.
8Vgl. Atkinson, Philip (2005), S. 14
9Vgl. Cameron, Preston D. (2002), S. 23; vgl. Pan, Shan L./Scarbrough, Harry (1998), S. 63
10Vgl. Sollberger, Bettina Anne (2007), S. 73
Anmerkungen und Literaturhinweise
Atkinson, Philip (2005): Managing resistance to change. In: Management Services, 49. Jg. 2005, Nr. 1, S. 14-19
Cameron, Kim S./Quinn, Robert E. (1999)
Diagnosing and Changing Organizational Culture. Based on the Competing Values Framework, Massachusetts u. a. 1999
Pan, Shan L./Scarbrough, Harry (1998)
A Socio-Technical View of Knowledge-Sharing at Buckman Laboratories. In: Journal of Knowledge Management, 2. Jg. 1998, Nr. 1, S. 55–66
Sackmann, Sonja A. (2004)
Erfolgsfaktor Unternehmenskultur. Mit kulturbewusstem Management Unternehmensziele erreichen und Identifikation schaffen – 6 Best Practice-Beispiele, Wiesbaden 2004
Sollberger, Bettina Anne (2007)
Mitarbeiter vernetzen – systematisch und zielorientiert. In: io new management, 75. Jg. 2007, Heft 7/8, S. 70-73
Sollberger, Bettina Anne (2006)
Wissenskultur. Erfolgsfaktor eines ganzheitlichen Wissensmanagements. Berner betriebswirtschaftliche Schriften. Band 38, Bern/Stuttgart/Wien 2006
Sollberger, Bettina Anne/Thom, Norbert (2007)
Wissenskultur – ein wesentlicher Faktor für den Unternehmenserfolg. In: Die Volkswirtschaft – Das Magazin für Wirtschaftspolitik, 80. Jg. 2007, Heft 1/2, S. 24-27
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