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Suchwörter: "oder" "und" Ausgabe 11/2008
Portrait Daniel Meierhans
Autor:
Daniel Meierhans, freier Journalist
Millisekunden nutzen Bild Performance Management

In Kooperation mit ICT in Finance

Von Daniel Meierhans, freier Journalist

Elektronische Handelssysteme, aber auch serviceorientierte Architekturen sind empfindlich für Performance-Flaschenhälse. In Millisekunden können Millionen gewonnen oder verloren werden. Start-ups bringen jetzt das Performance Management auf die Applikationsebene.

«Wenn alle über die gleichen Informationen verfügen, ist es entscheidend, der Erste zu sein, sobald sich der Markt bewegt», Alistair Brown von der New Yorker Lime Brokerage bringt es im «Wall Street Journal» auf den Punkt. Ein Handelssystem, das um eine Millisekunde schneller als die Konkurrenz ist, kann über das Jahr gesehen für einen Broker bis zu 100 Millionen Franken an Mehreinnahmen einspielen. Kein Wunder also, dass derzeit Business Transaction Management (BTM) zu den ganz heissen Technologiethemen zählt. Denn nicht nur im elektronischen Börsenhandel wird die Performance immer mehr zu einem entscheidenden Differenzierungsfaktor. Auch in serviceorientierten Architekturen (SOA) entstehen immer wieder a priori nicht vorhersehbare Flaschenhälse. Diese sind vor allem in Systemen mit Kundeninteraktion wie dem Online Banking und für zeitkritische interne Applikationen problematisch. Um die geforderten Service Level angesichts ständig steigender Transaktionsvolumen einhalten zu können, brauchen Unternehmen Instrumente, die entstehende Engpässe auf der Anwendungsebene und im Geschäftskontext frühzeitig erkennen und proaktiv verhindern.

Unübersichtlichkeit auf allen Ebenen

Die Aktualität eines Technologiethemas lässt sich am besten an der Anzahl von Start-ups ablesen, die sich das Akronym auf die Fahne schreiben, und an der Anzahl von entsprechenden Übernahmen durch die arrivierten Anbieter. Aber auch die Flut der Begriffe, die das Gleiche beschreiben, ist ein sicheres Zeichen für einen kommenden Trend. Im Falle des Business Transaction Managements drängen derzeit rund zwei Dutzend Technologieinnovatoren auf den Markt: Optier, Correlix, Dynatrace, Correlsense, Insightix, Indicative Software, RealOps und B-hive Networks sind einige der – wie seit der New Economy-Blase gewohnt – wenig einprägsamen Namen.

Auf der Kaufseite sind in den letzten Jahren praktisch alle arrivierten Anbieter aktiv geworden: EMC hat sich nLayer einverleibt, IBM Cyena Systems, BMC Identify Software, Opsware iConclude, CA Wily, HP Bristol Technology und Oracle Moniforce. Die Begrifflichkeit irrlichtert derweil von Transaction und Enterprise Application über Application Performance bis zu Business Transaction respektive Business Service Management. Die Anwenderunternehmen stellt dieser unübersichtliche Markt vor schwierige Technologieentscheidungen, zumal wenn es um Millisekunden geht, auch eine nur leicht bessere Applikation den ausschlaggebenden Unterschied machen kann. Erschwert wird der Entscheid durch die Tatsache, dass derzeit mehrere unterschiedliche Technologieansätze für sich in Anspruch nehmen, die Herausforderung am besten zu lösen.

Ein Report der amerikanischen IT- Marktforschungsfirma IDC unter dem Titel «Business Transaction Management: Another Step in the Evolution of IT Management» teilt die Technologien grob in zwei Kategorien ein: agentenbasierte Systeme und solche, die netzwerkzentriert und damit ohne die Installation von Agenten arbeiten. Dazu kommen aber auch Mischformen der zwei Technologien.

Mit oder ohne Agenten

Zu den typischen Beispielen von BTM-Systemen, die ohne Agenten arbeiten, gehört das Produkt des israelischen Start-ups Correlix. Es wird in Form einer Netzwerk-Appliance installiert, die den rohen Datenverkehr analysiert und dabei die einzelnen Transaktionen identifiziert. Correlix bedient sich dazu Algorithmen, die in der Bioinformatik zum Vergleich von sehr ähnlichen Erbsubstanzmolekülen entwickelt wurden. Der Vorteil der Lösung liegt zum einen in der relativ schnellen Implementierung. Da die Technologie grundsätzlich jede Form von Daten gleich gut erkennen kann, macht es zudem auch keinen Unterschied, ob sie in einer sehr heterogenen oder in einer eher homogenen Umgebung eingesetzt wird. Die Appliance muss den Protokolltyp einer Transaktion nicht einmal vorgängig kennen. Laut IDC eignen sich solche Systeme vor allem, um breite Performanceanalysen über viele Applikationen oder Infrastrukturebenen zu machen.

Demgegenüber versprechen agentenbasierte Systeme genauere Messwerte. IDC sieht sie denn auch als die bevorzugten Tools, wenn es gilt, in besonders kritischen Bereichen dynamisch Ressourcen zuzuordnen. Diesen Ansatz verfolgt die bereits 2002 gegründete Optier. Ihr vor knapp drei Jahren lanciertes Produkt CoreFirst plaziert auf allen Ebenen einer IT-Umgebung Agenten, die automatisch den Datenfluss verfolgen und analysieren. Durch ein Topologie-Mapping kann der Geschäftskontext mit den unterliegenden IT- Komponenten in Verbindung gebracht werden. Kritische Transaktionen lassen sich danach mittels definierter Regeln priorisieren.

Näher an die Geschäftsprozesse

Laut IDC muss eine BTM-Lösung unabhängig vom Technologieansatz fünf Grundanforderungen erfüllen: komplette End-to- End-Visibilität, Plattformunabhängigkeit, Echtzeit-Monitoring, historische Analysefähigkeit und Skalierbarkeit. Dazu kommt je nach Anwendungsfall die Möglichkeit, Probleme schon zu erkennen, bevor sie einen Geschäftsprozess beeinträchtigen und beispielsweise über Regeln bestimmte, geschäftskritische Transaktionen bevorzugt zu behandeln.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema BTM dürfte für ITVerantwortliche von Finanzinstituten in den nächsten Jahren unausweichlich sein. Dafür wird nur schon das Marketing der Herstellerfirmen sorgen, denn BTM wird laut IDC zu einem Kernangebot aller IT- Management-Anbieter. Je mehr sich serviceorientierte Architekturen in den Datenzentren ausbreiten, umso dringender werden Technologien benötigt, welche die immer komplexer werdende Vernetzung der Geschäftsprozesse mit allen möglichen Systemen und Technologieebenen sichtbar machen. Im analytischen Teil dieses Konzepts dürften zudem auch schon bald die Business Intelligence-Anbieter aktiv werden, prophezeit IDC.

Kommentar von Marcel Altherr, CEO, Meta versum AG:
IT does matter
Portrait Marcel Altherr Sie kennen den Slogan «Vorsprung durch Technik» einer deutschen Automarke. Die Firma verwendete den einprägsamen Satz zum ersten Mal 1971 für den mit einem Wankelmotor angetriebenen NSU Ro80. Mit der Behauptung, dass eine spezifische Technik, die IT, den Unternehmen eben keinen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil ermöglichen könne, machte sich im Frühling 2003 der Journalist Nicolas Carr in einem vielbeachteten Aufsatz mit dem Titel «IT doesn’t matter» der Harvard Business Review keine neuen Freunde in der IT-Industrie. Alle Unternehmen, so sein Argument, würden in ähnliche Lösungen investieren, IT sei lediglich eine strategische Notwendigkeit – wer sie nicht hat, hat einen Nachteil –, böte aber keinerlei genuine Möglichkeiten, sich einen dauerhaften Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Dieser entstehe nur dadurch, dass ein Unternehmen etwas anders und besser macht als andere. Die Behauptung Carrs war nicht neu, aber die Diskussion, ob es einen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen den Investitionen in IT und den zentralen Unternehmenskennzahlen gibt, wurde neu lanciert. Die IT fühlte sich in der Ehre gekränkt und zahlreiche Publikationen erschienen. Die Diskussion ist mitnichten abgeschlossen, eine Erkenntnis aber scheint sich durchzusetzen: IT-Investitionen haben tatsächlich nur einen vergleichsweise mässig nachhaltigen Effekt und der zeigt sich nur, wenn die Einführung neuer IT-Lösungen auch von organisatorischen Veränderungen begleitet wird und da liegt ein Kernproblem: Neue Software kaufen ist eines, organisatorische und prozessuale Veränderungen in Unternehmen durchzuführen ist dagegen ungleich schwieriger. Manchmal – ganz selten – aber reicht die Technologie alleine: Wenn, wie im Artikel von Daniel Meierhans beschrieben, ein Handelssystem ein paar Milllisekunden schneller arbeitet als die Computer der Konkurrenz und dies in einem Jahr bis zu 100 Millionen Franken an Mehreinnahmen generiert, dann braucht es auch nicht mehr, um einen Vorsprung durch Technologie zu begründen. Dem Wankelmotor des NSU Ro80 war auch keine nachhaltige Zukunft beschieden, aber Audi ist heute eine Weltmarke.

marcel.altherr@metaversum.ch

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