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Portrait Gerard AL-Fil
Autor:
Gérard Al-Fil,
Finanz Journalist, Dubai Media City

Intensiver Wettbewerb garantiert Bild Araber

In Kooperation mit ICT in Finance

Von Gérard Al-Fil, Finanz Journalist, Dubai Media City

Anbieter für Gesamtbankenlösungen finden in der Arabischen Golfregion und dort insbesondere in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) einen der am stärksten wachsenden Finanzmärkte vor. Doch das vermeintliche Schlaraffenland entpuppt sich selbst für erfahrene Marktteilnehmer als schwieriges Terrain.

Die Arabische Golfregion gehört zu den am stärksten wachsenden Regionen. Hier stechen die wirtschaftlich liberalen Vereinigten Arabischen Emirate (4.4 Millionen Einwohner) mit ihrer Businessmetropole Dubai hervor. Die Eckdaten des Finanzsektors lassen ICT-Unternehmen aufhorchen: Im Oktober 2007 durchbrach der Wert der verwalteten Vermögen aller 48 Banken erstmals die Marke von einer Billion Dirham (etwa 367 Mrd. US-Dollar) – eine Verdreifachung gegenüber 2003. Von der andauernden Sub-Prime-Krise wurden die Kreditinstitute kaum in Mitleidenschaft gezogen: Die Bankengewinne stiegen 2007 um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf umgerechnet 6.75 Mrd. Dollar. Die sprudelnden Ölexporteinnahmen und die 25 Freihandelszonen machen es möglich: «Die Emirate nehmen jeden Tag 120 Mio. Dollar ein», weiss Gilles Rollet, CEO von Mirabaud (Middle East) Ltd. in Dubai. Mit der Fusion der Emirates Bank und der National Bank of Dubai (NBD) zum grössten Institut des Nahen Ostens (im Hinblick auf die verwalteten Vermögen von zusammen 66 Mrd. Dirham (rund 18 Mrd. Dollar)) ist zudem Bewegung in die starre, weil von einflussreichen Industriellenfamilien kontrollierten Bankenbranche gekommen, die sich immer moderner gibt: 45 Prozent der VAE-Bankangestellten sind heute weiblich.

Ein Land, zwei Finanzplätze

So wähnen sich Anbieter für Gesamtbankenlösungen in einem dynamischen und zugleich steuerfreien «Schlaraffenland ». Zumal die Industrialisierung der Bankensoftware in Mittelost noch in den Kinderschuhen steckt. Die Mehrheit der Banken am Golf vertraut noch immer auf Eigenentwicklungen, auf «Inhouse Solutions ». «20 Prozent der Gesamtbank-Neuinstallationen in der Golfregion finden «auf der grünen Wiese», weiss Andreas Andreades, CEO der Genfer Temenos AG, die mit der First Gulf Bank in Abu Dhabi und der National Bank of Fujeirah zwei bedeutende Kunden in ihrem Emirate-Portefeuille nennt. Beide Institute setzen das Temenos-Flagschiff T24 in ihren IT-Prozessen ein. Auf den zweiten Blick entpuppt sich der Golfstaat aber auch als ein heterogener Markt mit hohen Eintrittsbarrieren. Denn für westliche Anbieter kommen oftmals nur die 23 inländischen Banken als potenzielle Kunden in Frage. Die 25 in den VAE ansässigen internationalen Banken, die qua Gesetz nur vier Filialen unterhalten dürfen und 20 Prozent Steuern auf den Gewinn zahlen müssen (inländische zahlen 0 Prozent), erhalten in der Regel von ihrer Mutterzentrale Weisung, welche Bankensoftware sie einzusetzen haben. Dies gilt auch für die 150 Banken im Offshore-Finanzplatz Dubai International Financial Center (DIFC), der 2004 als separater Rechtsraum mit international kompatiblen Gesetzen geschaffen wurde. Unter den DIFC -Teilnehmern befinden sich u. a. die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie die Privatbanken Julius Bär, Sarasin und Mirabaud. Sie lassen die am akquirierten Vermögen in der Heimat verbuchen. Eine Gesamtbankenlösung kommt in den DIFC-Niederlassungen deshalb oft nicht zum Einsatz.

Islamic Banking wird zur Pflichtkür

Ermutigend ist dagegen der Eintritt neuer Marktteilnehmer. 2006 wurden die Doha Bank aus Katar und die saudiarabische Samba Financial Group zugelassen, und sie eröffneten in Dubai (1.4 Mio. Einwohner) auch Zweigstellen. Mit der Noor Islamic Bank aus Dubai und der Al Hilal Bank gingen Anfang 2008 zudem zwei weitere Institute, die auf der Grundlage der koranischen Rechtsprechung, der Scharia, operieren, «live». Das Islamic Banking wächst weltweit um 20 Prozent pro Jahr. Fast eine Billion Dollar Anlagegelder werden heuer islamisch verwaltet. Neben den weltweit 300 islamischen Banken (zu denen auch die Genfer Feisal Private Bank zählt) haben nahezu alle westlichen Banken ihr Angebot über spezielle Abteilungen, die auch «Islamic Windows» genannt werden, um eine Scharia-Produktpalette erweitert. Bankensoftware-Firmen haben in der Golfregion nur dann eine Markteintrittschance, wenn sie eine islamisch kompatible Software anbieten, sprich: eine Lösung, die das islamische Zinsverbot und den partnerschaftlichen Charakter der Kunde-Bank-Beziehungen in allen Kalkulationen berücksichtigt. Hierzu muss auf jeden Fall der Rat eines Scharia-Gelehrten hinzugezogen werden, der die Software als akzeptabel, also als halal, abzusegnen hat.
Das älteste regulierte Scharia-Institut, die 1975 gegründete Dubai Islamic Bank (DIB), hat sich 2006 für I-Flex Solutions aus dem indischen Mumbai entschieden, die zu den führenden Anbietern weltweit zählt. Deren Bankensoftware flexcube kommt als Scharia-konforme Version bei DIB zum Einsatz. Eines haben Dubais konventionelle und islamische Banken gemeinsam: Seit dem 1. Januar 2008 müssen sie die Eigenkapital- und Transparenzrichtlinien Basel II einhalten.

Auch Finacle Infosys, die in den VAE die nationale Bank des Emirats Umm Al-Quwain zu ihren Kunden zählt, hat eine islamische Software entwickelt. Doch tummeln sich in Dubai für die Schweizer Branche gleichfalls unbekannte Anbieter wie Path Solutions aus Kuwait, Microlink aus Kuala Lumpur oder Infrasoft Technologies aus Mumbai. Infrasoft fischt seit letztem Jahr von ihrem Londoner Office aus sogar im helvetischen Markt, hält sich jedoch über die hierzulande gewonnen Mandate bedeckt.

Zusammen mit der Anfang 2008 gewonnen Kundenbeziehung zur Bank Islam Malaysia Berhard zählt die Genfer Temenos nunmehr 20 islamische Banken in ihrer Referenzenliste. Die Genfer haben inzwischen auch islamische Banken in Pakistan und in London, dem europäischen Brückenkopf des Islamic Finance, im Visier. Dort operieren vier lizenzierte Banken im Einklang mit der Scharia, in der Schweiz mit der Feisal Private Bank Genf erst eine.

«Die Implementation verlief zeitintensiv, aber gründlich. T24 arbeitet sehr zuverlässig», sagt Sundar George, Deputy Chief Executive der omanischen Bank Muscat, über das Standardprodukt von Temenos. Die Deutschschweizer Platzhirsche Avaloq und Finnova sind am Golf nicht präsent, obgleich die Avaloq am 30. November 2007 im Stadtstaat Singapur Fuss gefasst hat. Der Finanzplatz Singapur empfiehlt sich neben Kuala Lumpur als Zentrum für Islamic Banking im Fernen Osten.

Gemischte Rahmenbedingungen

Schweizer ICT-Firmen mit Dubai-Ambitionen sollten ausserdem wissen, dass Dubais Banken aufgrund der hohen Jahresinflation von über 10 Prozent, die seit 2006 konstant herrscht und Budgetierungen extrem schwierig gestaltet, eine klare Kostenstruktur ohne «versteckte» Gebühren schätzen. Von in Mittelost ansässigen IT-Unternehmen wird ausserdem ein arabischsprachiger Kundenservice verlangt, doch herrscht gerade bei lokalen Informatikern ein Engpass. An potenziellen Implementationspartnern mangelt es dagegen nicht. Es reicht ein Blick in das Firmenverzeichnis von Dubais Technologie-Free Zone Tecom, um geeignete Partner zu orten. Mit einer weiteren Freihandelszone, der Dubai Outsource Zone (DOZ), hat die Golfmetropole zudem einen Raum für IT-Finanzdienstleister geschaffen, der Steuerfreiheit und freie Gewinnabführung ins Ausland garantiert – genau wie das DIFC . Die jordanische Arab Bank lässt beispielsweise ihr gesamtes Dokumentmanagement, also auch das ihrer Filialen in Zürich und in Genf, in der DOZ abwickeln.

Zwar legen die Emirate als eine Laisser-faire-Volkswirtschaft par excellence Privatfirmen kaum bürokratische Steine in den Weg, doch sucht die Wettbewerbsintensität in Dubai aufgrund seiner geografisch strategischen Lage zwischen Europa und Ostasien ihresgleichen auf der Welt. Für den Niederländer Peter M. Baltussen, CEO der Commercial Bank of Dubai, überwiegen dennoch die Chancen: «In Europa sind überwiegend Kostendruck und Verschlankung zentrale Themen für die Führungsspitze einer Bank. Dies geht oft mit Outsourcing und Personalabbau einher. Anders im Mittleren Osten: hier geht es nur ums Aufbauen.»


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