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Wird das Open Source-Innovationsmodell auch langfristig existieren? Diese Frage stellen sich IT-Fachleute, wenn sie sich mit freier Software beschäftigen und beispielsweise den Einsatz einer Open Source Software-Lösung anstelle einer kommerziellen Variante in Betracht ziehen. Ist es nicht ein Risiko, Business-kritische Prozesse auf kostenlose Software abzustützen?
Zwar wird Open Source-Projekten für die Anwendung selbst komplexer Software kein Geld bezahlt, andererseits will man sich aber auch nicht auf die Lust und Laune von freiwilligen Programmierern verlassen müssen. Nichtsdestoweniger verwenden laut FOSS-Studie Schweiz 20061 bereits drei Viertel der Schweizer Unternehmen Open Source Software in ihrer IT-Infrastruktur, Tendenz steigend. Im folgenden sollen deshalb vier Gründe erläutert werden, warum das Open Source Innovationsmodell nachhaltig ist und sich Investitionen in Open Source Technologien als Software-Hersteller , -Bezüger sowie als IT-Experte lohnen.
1. Vorteile für Einzelpersonen
Entstanden in den 80er-Jahren als Bewegung für freie Software haben bereits vor zwei Jahrzehnten viele qualifizierte Software-Entwickler ihre Kräfte gebündelt und noch heute breit eingesetzte Open Source-Projekte wie den GNU C Compiler gestartet. Oft waren dies intrinsisch motivierte Studenten, die in ihrer Freizeit aus Freude am Programmieren eigene Software-Projekte initiierten und Entwickler aus der ganzen Welt begeisterten ebenfalls beizutragen. Linus Torvalds stellt mit dem Start des Linux-Kernels das renom-mierteste Beispiel dar. Auch heute noch werden Open Source-Projekte oft von Einzelpersonen lanciert oder während ihrer Freizeit weiterentwickelt. In Umfragen bezüglich der Motivation volontären Mitarbeitenden wird der Lerneffekt besonders hoch geschätzt, unter anderem weil die technischen Kenntnisse von offenen Lösungen wertvoller sind als die von proprietärer Software, welche beim nächsten Arbeitgeber oft gerade nicht eingesetzt wird.
Mit der gestiegenen Mitwirkung von Firmen in der Open Source-Bewegung spielen immer mehr extrinsische Anreize eine wichtige Rolle. Weil Code-Beiträge an Open Source-Projekte generell von anderen Entwicklern überprüft und nur bei hoher Qualität akzeptiert werden, gilt aktive Mitwirkung in einer Open Source Community als Leistungsausweis, was zur Arbeitsmarktattraktivität beiträgt. Der zum Beispiel bei der Linux-Distribution Debian oder der Apache Foundation formell durchgeführte Wahlprozess der Entwickler entspricht dem Niveau einer offiziellen Zertifizierung. Eher unternehmerisch orientierten Programmierern bieten Open Source-Projekte eine optimale Umgebung, Kunden qualitativ hochstehende Software-Lösungen zu günstigen Preisen zu implementieren, anzupassen und möglicherweise gar ein Dienstleistungsunternehmen darauf aufzubauen.
2. Vorteile für Bezüger von Open Source-Lösungen
Es sind denn auch die Dienstleistungen rund um Open Source Software, die das grundlegende Geschäftsmodell bilden und das auf Lizenzeinnahmen basierende Modell mit proprietärer Software ersetzen. So können Firmen beispielsweise Beratung, Implementation, Weiterentwicklung, Schulungen und Wartungsverträge zu Open Source-Lösungen anbieten. Dadurch können sie den Kunden günstigere Leistungen anbieten und bin-den sie wegen der freien Verfügbarkeit des Quellcodes nicht derartig stark an sich wie mit proprietären Anwendungen.
Heute ist Open Source Software vor allem im ServerBereich etabliert. Beispielsweise wächst der Anteil an Linux-Servern stetig und über zwei Drittel aller Websites werden mit dem Apache Webserver präsentiert. Das grösste Wachstum zeigt zur Zeit die Verbreitung von Open Source Software auf dem Unternehmens-Desktop. Automobilhersteller Peugeot plant, bis 2008 rund 20'000 Arbeitsplätze auf Linux zu migrieren. Selbst Business Software wie Open Source-CRM oder gar -ERP Lösungen sind langsam bereit für die pro-duktionskritische Anwendung. Zahlreiche Start-Ups mit entsprechenden Produkten haben in den letzten Monaten Venture Capital in Millionenhöhe erhalten um unter anderem ihre Verkaufskanäle zu stärken. Detailauskunft über die Einsatzbereitschaft von Open Source-Produkten bietet der Open Source-Katalog2 sowie die halbjährlich stattfindende Messeveranstaltung OpenExpo3 , an der die Anwendungen vor Ort getestet werden können. Um entsprechende Open Source-Dienstleister zu finden kann im FOSS Directory4 nach der passen-den der rund 300 Schweizer Firmen gesucht werden.
Obwohl diese Trends eine vielversprechende Zukunft für Open Source-Projekte aufzeigen, erklären sie noch nicht, weshalb Software-Herstellerfirmen in die Weiterentwicklung investieren und nicht nur als Trittbrettfahrer Dienstleistungen für die fertigen Produkte anbieten. Antworten geben die folgenden zwei Erläuterungen.
3. Lizenzrechtliche Gründe
Als „Open Source“ wird grundsätzlich jegliche Software bezeichnet, die unter einer von der Open Source Initiative zertifizierten Lizenz veröffentlicht wird. Dies bedeutet unter anderem, dass der Quellcode frei ver-fügbar ist, erweitert werden kann und die Software beliebig kopiert werden darf. Dabei werden zwei Arten von Lizenzen unterschieden. Einerseits gibt es die so genannten BSD (Berkley Software Distribution)-ähnlichen Lizenzen, welche die Verwendung von Open Source Software auch in Verbindung mit proprietären Software-Komponenten erlauben und lediglich den Hinweis auf die ursprüngliche Autorenschaft vorsehen. So verwendet zum Beispiel der Internet Explorer die Open Source-Programmbibliothek libjpeg, was im Copyright-Hinweis des Microsoft-Produktes nachgelesen werden kann.
Um derartiges Trittbrettfahrverhalten zu verhindern, existiert andererseits die GNU General Public License, kurz GPL. Diese älteste und am häufigsten eingesetzte Open Source-Lizenz beinhaltet das Konzept des Copyleft welches besagt, dass sämtliche Änderungen am Quellcode sowie dessen Einbindung in andere Soft-ware diese ebenfalls unter die Bedingungen der GPL stellt. Dieser virale Charakter zwingt somit Technolo-gieunternehmen ihre Verbesserungen am Programmcode ebenfalls freizugeben, wenn sie GPL-Software wie beispielsweise den Linux-Kernel in ihre Produkte integrieren. Dadurch wird Trittbrettfahrertum auf rechtliche Weise verhindert und die Offenheit auch zukünftiger Weiterentwicklungen sichergestellt.
4. Vorteile für Hersteller von Open Source Software
Erstaunlicherweise kann nun festgestellt werden, dass sich Technologieunternehmen wie Sun Microsystems viel mehr Software-Quellcode veröffentlichen, als dass sie rechtlich dazu verpflichtet sind. Offenbar existieren noch andere Anreize, die das Freigeben von Wissen begründen.
In der wissenschaftlichen Innovationsforschung erklärt das Private-Collective Model of Innovation5 auf theoretischer Ebene, weshalb Unternehmen interessiert sind, freiwillig Beiträge an ein öffentliches Gut – in diesem Fall Open Source Software – zu leisten. Dieses Anreizmodell wird abgeleitet von zwei klassischen Innovationsmodellen. Einerseits beschreibt das Private Investment Model, wie gewinnorientierte Unternehmen ihr geistiges Eigentum durch Urheberrechtsschutz oder Patentrecht schützen. Andererseits erklärt das Collective Action Model die Entstehung von öffentlichen Gütern – beispielsweise wissenschaftliche Forschung – durch koordinierte Investitionen seitens der späteren Nutzniesser der Innovation. Diese Handlungsweise birgt jedoch das Problem der Trittbrettfahrer. Die Kombination aus den beiden traditionellen Modellen, das Private-Collective Model of Innovation beschreibt nun ein Anreizsystem für unternehmerische Eigeninvesti-tionen in öffentliche Güter. Der grundlegende Unterschied zum Collective Action Model besteht darin, dass der Nutzen aus eigenen Beiträgen höher ist als die Einsparungen durch Trittbrettfahrverhalten. Dadurch sind prinzipiell keine externen Zwangsmassnahmen mehr notwendig, um Unternehmer für die Mitwirkung an kollektiven Projekten wie Open Source Software zu gewinnen.
Tatsächlich kann dies auch in der realen Wirtschaftswelt in dieser Form beobachtet und bestätigt werden, wie die zwei anschliessenden Beispiele von IBM und Nokia zeigen.
Eines der bedeutendsten Open Source-Engagements von IBM ist die Software-Entwicklungsplattform Ec-lipse, die 2001 als Open Source Software freigegeben wurde. Während den ersten eineinhalb Jahren wurde Eclipse zwar bereits von vielen Software-Firmen eingesetzt, substantielle Beiträge an die Weiterentwicklung blieben jedoch aus. Erst ab Mitte 2002 begannen externe Entwickler, Verbesserungen an der Plattform an das Open Source-Projekt zurückzuspeisen. Bis Anfang 2007 haben rund 300 Entwickler von über 80 Firmen und Universitäten am Projekt weiterprogrammiert, sodass heute externe Institutionen mehr als die Hälfte der Quellcode-Beitragenden darstellen. IBM hat es somit erfolgreich geschafft, eine aktive Community um ihr Open Source Projekt aufzubauen und profitiert nun massgeblich von externen Beiträgen.
Mit völlig anderer Ausgangslage und Einsatzszenario, jedoch nicht minder erfolgreich hat Nokia Open Source Software in ihrem 2005 lancierten Internet Tablet eingesetzt und sich in den vergangenen zwei Jahren als namhafter Akteur im Open Source-Umfeld etabliert. Nokia hat in relativ kurzer Zeit ein neuartiges mobiles Gerät ohne Abhängigkeit von Software-Anbietern auf den Markt bringen können. Möglich wurde dies durch das Einbeziehen von zahlreichen Kleinstfirmen mit grossem Know-How über Open Source-Technologien und das Rekrutieren von langjährig engagierten Open Source-Programmierern. Verständlicherweise brachte die Zusammenarbeit mit agilen, meist auf Freiwilligkeit basierenden Communities auch neue Herausforderungen, typischerweise auf organisatorischer Ebene. Interessanterweise stellte aber die Freigabe von eigenem Quellcode keinen nennenswerten Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz dar. Im Gegenteil erklärten Nokia-Manager, dass die Veröffentlichung proprietärer Entwicklungen und das Beitragen an etablierte Projekte erst die Realisierung der Vorteile von Open Source Software ermöglichten, namentlich das Einsparen von Software-Wartungskosten. Weiteren Nutzen erfuhr das Unternehmen beim Anstellen von qualifizierten Software-Entwicklern, denn einerseits stieg durch Nokias Open Source-Engagement die Arbeitgeberattraktivität und andererseits ermöglichte die Transparenz von Open Source-Projekten das Überprüfen der Kompetenz der Bewerbenden.
Fazit
Die vorangehenden Erläuterungen legen nahe, dass das Open Source-Innovationsmodell auch langfristig existieren wird. Sowohl für Communities unbezahlter Open Source-Programmierer als auch für gewinnori-entierte Software-Hersteller gibt es genügend Anreize, ihr Engagement aufrechtzuerhalten. Das heisst natür-lich nicht, dass alle heute aktiven Open Source Projekte auch morgen noch gewartet und weiterentwickelt werden. Einige werden langfristig durch konkurrierende Open Source-Alternativen überholt werden und an Aktualität und Marktanteil verlieren. Ein solcher Konsolidierungseffekt ist beispielsweise im CMS-Markt zu beobachten wo sich einige Lösungen wie TYPO3 etablieren und andere als Verlierer zurücklassen. Dieser transparente Konkurrenzkampf unter freien Projekten ist trotz vielen Doppelspurigkeiten gesund für die Community, denn Wettbewerb ist Teil des Open Source-Paradigmas und dient dazu, langfristig nachteilige Monopolstellungen zu verhindern.
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1) FOSS-Studie Schweiz 2006 von /ch/open und SwissICT: http://www.swissict.ch/fileadmin/sekretariat/download/foss-studie_2006.pdf
2) Open Source Katalog 2006 von Computerworld und Optaros:
http://www.computerworld.ch/aktuell/news/38264/index.html
3) Die im Frühling in Bern und im Herbst in Zürich stattfindende OpenExpo wird vom Verein /ch/open veranstaltet: http://www.openexpo.ch
4) Das FOSS Directory gibt Auskunft über die Dienstleistungen von Schweizer Open Source Firmen: http://www.fossdirectory.ch
5) Eric von Hippel & Georg von Krogh (2006) 'Free revealing and the private-collective model for innovation incen-tives' R&D Management 36(3), 295-306.
Eric von Hippel & Georg von Krogh (2003) 'Open Source Software and the "Private-Collective" Innovation Model: Issues for Organization Science' Organization Science 14, 209-223.
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