Im vorliegenden Beitrag werden Ergebnisse zu Humor und Lachen in der Arbeitswelt vorgestellt und diskutiert. Die unterschiedlichen Funktionen die Humor dabei einnehmen kann werden aufgezeigt und in Zusammenhang mit aktuellen Studien zum Lachen besprochen. Wer selbst einen Beitrag zur Forschung liefern möchte kann an einer neuen Studie hier teilnehmen. bei „hier“ verlinken zu: http://www.surveymonkey.com/s/humor_lachen
Für humorlos gehalten zu werden ist für viele Menschen eine äußerst unangenehme Vorstellung. Humor zu haben hingegen scheint eine sehr erwünschte Eigenschaft zu sein, die sich auch viele Menschen auch selbst zuschreiben. In einer älteren Studie aus dem Jahr 1961 berichtet etwa einer der Pioniere der modernen Persönlichkeitspsychologie, Gordon Allport, davon, dass 94% der von ihm befragten Menschen angaben, einen überdurchschnittlichen Sinn für Humor zu haben. Humor scheint also eine wichtige, alltagsrelevante und interessante Persönlichkeitseigenschaft zu sein, die bislang in der Mainstream-Forschung in der Psychologie und verwandter Disziplinen aber mit eher geringer Aufmerksamkeit bedacht wurde. In der aktuellen Forschung wird Humor als ein Sammelbegriff für alle Phänomene des Komischen (des Lächerlichen) verstanden, inklusive der Fähigkeit, nicht-ernste inkongruente Kommunikation wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und zu genießen, aber auch zu erzeugen und vorzutragen (eine Übersicht dazu findet sich bei Ruch, 2007). Humor ist demnach ein Sammelbegriff, der in der Literatur und auch in der Praxis unterschiedlich gebraucht wird.
Das Thema Humor ist in den letzten Jahren in Forschung und Praxis immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. In der Psychologie bietet das Aufkommen der Positiven Psychologie (LINK EINFÜGEN zu Eine Frage des Charakters? Zum Beitrag von Charakterstärken zur Karriereentwicklung von Proyer & Ruch) einen neuen theoretischen Rahmen innerhalb dessen man Humor erforschen kann. Die amerikanischen Psychologen Christopher Peterson und Martin E. P. Seligman haben beispielsweise eine Klassifikation von 24 Charakterstärken und sechs Tugenden erstellt, die über verschiedene Kulturen hinweg positiv eingeschätzt werden und einen Beitrag zum guten Leben (einem lebenszufriedenen, erfüllten Leben) leisten. Eine dieser Charakterstärken ist Humor.
Gleichzeitig zum verstärkten Interesse bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Humor ist auch zu bemerken, dass Interventionen am Markt angeboten werden, deren praktische Bewährung noch nicht empirisch abgesichert oder auch im Vorhinein schon fragwürdig ist—die Bilder von gemeinschaftlich organisiert „lachenden“ Gruppen kennt man zur Genüge aus den Medien (… ob die alleinige Vokalisation von Lachlauten schon als Lachen zu verrechnen ist, sei aber dahingestellt). Genauso wenig, wie empirisch abgesichert ist, dass „Humor die beste Medizin“ ist, ist auch unklar, welche Wirkung solche Techniken (z.B. auf verschiedene Bereiche des beruflichen Lebens) tatsächlich haben—an empirischen Studien mangelt es jedenfalls.
In der psychologischen Literatur finden sich eine Reihe von Hinweisen darauf, dass sich bei der Arbeit ein humorvoller Zugang zu Problemen oder Fragestellungen positiv auswirken kann—z.B. auf kreative Prozesse, Teamwork oder das Arbeitsengagement. Dies scheint vor allem bedeutsam, da Arbeit im Allgemeinen mit großer Ernsthaftigkeit in Verbindung gebracht wird, wo verspieltes, humorvolles, vielleicht sogar kindisches Verhalten keinen Platz hat. James March von der Universität Stanford verfasste im Jahr 1976 ein Plädoyer für eine Technology of Foolishness. Er argumentiert, dass rationale Arbeitsabläufe bedeutsam sind und Arbeitserfolg (auf vielen verschiedenen Ebenen) gewährleisten, aber dennoch bricht er eine Lanze für eine gewisses Maß an Verspieltheit im Arbeitsalltag (Playfulness). Diese kann es zeitlich begrenzt ermöglichen, bestimmte Regeln hintanzustellen und alternative Lösungen anzustreben und zu testen. Hier ist inkonsistentes, neues, kreatives Verhalten bzw. ein Perspektivenwechsel gefragt, um Neues zu ermöglichen. Die Erfahrung, dass eine humorvolle Bemerkung eine angespannte Situation am Arbeitsplatz auflockern kann oder zum guten Verlauf einer Sitzung beitragen kann werden viele berufstätige wahrscheinlich aus ihrem Arbeitsalltag kennen.
Spiel oder spielerisches Verhalten wird also nicht als das Gegenteil von Arbeit gesehen. Zu bedenken ist allerdings, dass es hier um spielerische Zugänge zur Problemlösung oder zur Arbeitsgestaltung geht. Das Kartenspiel während der Arbeitszeit am Computer, oder der Versuch einen neuen Rekord in der Moorhuhnjagd aufzustellen mögen, zwar ablenkend vom Arbeitsalltag wirken, inhaltlich aber keine neuen Problemlösungen oder Zugänge bieten.
Insgesamt scheint eine wichtige Funktion von Humor bei der Arbeit zu sein, bessere Kontrolle über das eigene Stressniveau zu bekommen und so auch besser verarbeiten zu können. Der amerikanische Psychologe Paul McGhee (http://www.laughterremedy.com/) hat ein 8-Stufen Programm entwickelt, um seinen Sinn für Humor trainieren zu können. Dabei ist auch der Einsatz von Humor unter Stress ein Teil des Trainings. Insgesamt deckt das Programm einen weiten Bogen ab, vom Wiederentdecken des eigenen Sinns für Humor, über das Entdecken von Humor im Alltag bis hin zu Humor inmitten von Stress zu finden. An der Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik des Psychologischen Instituts der Universität Zürich wurde das Programm vor Kurzem evaluiert und brachte erfreuliche Ergebnisse (z.B. Steigerung der Lebenszufriedenheit beim Vergleich von Messzeitpunkten vor und nach dem Training; http://www.psychologie.uzh.ch/perspsy/trainings/humortraining.php). Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass die empirische Befundlage zur Wirksamkeit von auf Humor basierenden Interventionen noch eher dünn ist, einer Reihe weiterer Studien aber derzeit durchgeführt werden.
Zur Wirkung von Humor am Arbeitsplatz gibt es aber eine Reihe interessanter Forschungsergebnisse. Der Zusammenstellung von Martin (2007) folgend können folgende vier Aspekte in Bezug auf Humor am Arbeitsplatz als relevant angesehen werden
(1) Soziale Funktionen. Humor kann, wie bereits erwähnt, eine spielerische Note in den Arbeitsalltag bringen, die Stimmung unter den Mitarbeitern heben oder Spannungen lösen. Darüber hinaus kann man Humor aber auch als Kommunikationsmittel sehen, wo „sozial riskante“ Inhalte ausgesprochen werden können (z.B. ungünstige Eigenschaften von ArbeitskollegInnen oder ein Hinweis an den/die Vorgesetze/n auf ein als ungünstig empfundenes Verhalten). Das gemeinsame Lachen kann auch zur Bildung und Aufrechterhaltung von Teams beitragen und die Stimmung bei der Zusammenarbeit verbessern.
(2) Humor als Ausdruck der Organisationskultur. Geteilte Normen, Werte oder Verhaltensmuster machen einen wichtigen Aspekt der erfolgreichen gemeinsamen Arbeit aus. Dazu gehört auch das gemeinsame Teilen und Erleben von Humor. Witze und humorvolle Bemerkungen über Dinge, die spezifisch für ein Unternehmen sind, die Besonderheiten herausstreichen oder Aspekte eines Unternehmens (oder einer Einheit innerhalb des Unternehmens) zum Inhalt haben, die nur Insider wissen können, können dazu beitragen den Zusammenhalt und das gemeinsame Verständnis zu fördern—man denke an den alternden Vorstandsvorsitzenden, der immer noch glaubt, dass niemand weiß, dass er ein Toupet trägt; den schusseligen Leiter der Buchhaltung, der zwar weder weiß, was ein Liter Milch kostet, noch sagen könnte, wann seine Kinder Geburtstag feiern, der aber die Quartalszahlen der letzten zehn Jahre auf Knopfdruck auswendig reproduzieren kann, oder an die Kollegin und den Kollegen, die immer noch nicht wissen, dass längst das ganze Haus über ihre gemeinsame Affäre Bescheid weiß und was es mit den (in letzter Zeit überzufällig gehäuft vorkommenden!) „Terminen außer Haus“ wirklich auf sich hat. Einige Studien legen auch nahe, dass der in einem Unternehmen gepflegte Humor Auswirkungen auf die externe Kommunikation haben kann—Mitarbeiter eines jungen und „frechen“ Unternehmens, das sich gegenüber scheinbar übermächtiger Konkurrenz bewähren soll kommunizieren auf andere Weise als die Vertreter etablierter und alteingesessener Unternehmen.
(3) Humor bei Verhandlungen und in der Mediation. Verschiedene Autoren streichen hervor, dass Humor auch in Verhandlungssituationen oder bei der Vermittlung zwischen zwei oder mehreren Parteien hilfreich sein kann, um etwa Spannungen zu reduzieren, neue Sichtweisen aufzuzeigen oder den Gesprächsfluss zu beeinflussen. Letzteres zum Beispiel um festgefahrene Kommunikation auf eine andere Ebene zu bringen oder um verschiedene Gesprächsteile (z.B. vom Small Talk zur eigentlichen Verhandlung) miteinander zu verbinden.
(4) Humor in der Führung. In der Literatur wird die Fähigkeit, soziale Beziehungen aufzubauen und aufrechterhalten zu können als eine wichtige Eigenschaft von Führungspersonen gesehen. Einen „guten Sinn für Humor“ zu haben wird häufig als eine wichtige Eigenschaft einer effektiven Führungskraft genannt. Als Nutzen des Einsatzes von Humor werden unter anderem häufig die Förderung von Kreativität, Steigerung der Motivation, Hilfe beim Umgang mit Stress oder—allgemein gesagt—ein positiver Umgang und Arbeitsstil zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern genannt.
Lachen, Ausgelachtwerden und Auslachen am Arbeitsplatz. Ausgehend von ersten Arbeiten in Zürich wurden in letzter Zeit die Bemühungen verstärkt, die Rolle des Lachens, des Auslachens sowie des Ausgelachtwerdens im Alltag wie auch im Arbeitsleben intensiver zu erforschen. Im vorliegenden Text wurde bislang viel über mögliche positive Wirkungen von Humor am Arbeitsplatz berichtet. Dennoch verdichten sich die Hinweise, dass es Menschen gibt, die Probleme im Umgang mit Humor und Lachen haben (sog. Gelotophobiker; gelos = gr. für Lachen) und auch positiv (z.B. aufmunternd oder interessiert) gemeintes Lächeln in einem Gespräch eher als auslachen interpretieren. Das Lachen anderer Leute verunsichert sie, auch wenn es gar nicht auf sie selbst bezogen war (z.B. ein paar Tische weiter in einem Restaurant oder einer Kantine). Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Gelotophobiker in Situationen, die freundschaftlich gemeintes Necken beinhalten, mit hoher Angst, hoher Scham, sowie geringer Freude reagieren—ein Reaktionsmuster, dass nicht-Gelotophobiker in Situationen erleben, die eher Mobbing-Charakter haben. Darüber legen einige Studie nahe, dass sich Gelotophobiker hinsichtlich verschiedenster Eigenschaften (z.B. Intelligenz, Tugendhaftigkeit oder Humor) unterschätzen, obwohl auf Basis entsprechender Leistungstest oder Bekannteneinschätzungen dazu kein Anlass bestehen würde.
Daraus lassen sich eine Vielzahl von Konsequenzen für den Arbeitsplatz ableiten. Probleme sind vorhersehbar, wenn Menschen den Humor von Kolleginnen oder Kollegen nicht richtig einschätzen können oder falsch interpretieren. Wie bereits angesprochen verfügt Humor auch über eine Reihe sozialer Funktionen, die durch gelotophobe Symptome beeinträchtigt sein können. In neueren Studien wurden von unserer Forschungsgruppe noch zwei weitere Eigenschaften genauer untersucht: die Freude daran, ausgelacht zu werden (Gelotophilie) sowie die Freude daran, andere auszulachen (Katagelastizismus). Umgelegt auf die Arbeitswelt könnte man argumentieren, dass in einem Unternehmen gelotophile Personen hilfreich sind, da sie dazu beitragen, das Klima positiv zu gestalten. Sie genießen es, andere durch Witze über sich selbst zu unterhalten und freuen sich über das Lachen der anderen—ein Team, das ausschließlich aus gelotophilen Menschen besteht wäre allerdings wahrscheinlich weniger produktiv. Den Arbeitsplatz mit einem Katagelastizisten zu teilen kann aber eher zu Problemen führen. An dieser Stelle ist zu betonen, dass nicht jede Form von Humor positiv sein muss. Wenn man an sarkastische, sexistische oder aggressive Formen von Humor denkt, dann wird klar, dass man mit Humor auch andere verletzen bzw. Grenzen überschreiten kann. Der Katagelastizist hat Freude daran andere, auszulachen oder bloßzustellen und dies kann nicht nur privat, sondern auch im Arbeitsalltag zu beträchtlicher Missstimmung führen. Es ist anzunehmen, dass unter Personen, die andere mobben eher Katagelastizisten zu finden sein werden. In der aktuellen Forschung wird davon ausgegangen, dass Gelotophobie, Gelotophilie und Katagelastizismus dimensionaler Konstrukte sind. Das bedeutet, dass sich jeder Mensch irgendwo auf einem Kontinuum zwischen keiner Ausprägung des Merkmals und maximaler Ausprägung befindet. In einem produktiven Team kommt es wohl auf die richtige Mischung an.
Aktuell führen wir eine Studie durch, in der Gelotophobie, Gelotophilie und Katagelastizismus mit einer Reihe anderer Eigenschaften (Humor, Persönlichkeit) in Verbindung gebracht wird. Für diese Studie werden noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht. Die Teilnahme kann einfach und bequem von zu Hause aus über die Webseite http://www.surveymonkey.com/s/humor_lachen erfolgen. Auf Wunsch erhalten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine kostenlose Rückmeldung zu den allgemeinen Ergebnissen der Studie sowie zu ihrem individuellen Humorstil.
Zusammenfassender Ausblick. Das Auftreten von Humor und Lachen sind häufige Ereignisse im Arbeitsalltag. Auch wenn Humor innerhalb der Psychologie noch ein vergleichsweise wenig beforschtes Gebiet ist, so finden sich dennoch überzeugende Hinweise darauf, dass Humor in der Arbeitswelt sehr positive Auswirkungen und Nutzen haben kann. Sei es in der Form sozialer Funktionen, als Ausdruck der Organisationskultur, in Verhandlungssituationen oder bei der Mediation bzw. als Instrument in der Führung von Mitarbeitern. Erste empirische Ergebnisse zu Interventionsprogrammen sind sehr positiv und sind ein guter Ausgangspunkt für weitere Forschungsbemühungen, um praktische Nutzungsmöglichkeiten weiter zu etablieren. Insgesamt scheint dem Humor in der Arbeitswelt eine wichtige, aber noch nicht ausreichend gewürdigte Rolle zuzukommen.
Abschließend ist allerdings zu bedenken, dass nicht jede Form von Humor per se positiv sein muss (sexistischer Humor, Humor als „Werkzeug“ zu aggressivem Verhalten usw.), bzw. bei nicht allen Menschen auf gleiche Weise aufgenommen wird. Ein Gelotophobiker wird auf das aufmunternd-freundliche Lächeln eines Kollegen oder einer Kollegin bzw. des/der Vorgesetzten anders reagieren als Personen, die keine Angst vor dem Ausgelachtwerden haben. Auswirkungen auf den Arbeitsprozess (z.B. Mobbing, Arbeitszufriedenheit, Nachhaltigkeit bestimmter Maßnahmen) sind noch nicht ausreichend erforscht, scheinen aber wichtige Implikationen für die Praxis zu haben.
Aktuelle Studie zu Humor und Persönlichkeit
Rückmeldung zu allgemeinen Ergebnissen und dem eigenen Humorstil
http://www.surveymonkey.com/s/humor_lachen
Weiterführende Links zum Thema
(1) Englischsprachige Webseite zur Gelotophobie: http://www.gelotophobia.org/
(2) Humortraining: http://www.psychologie.uzh.ch/perspsy/trainings/humortraining.php
(3) Übersicht zu aktuellen Arbeiten zur Angst vor dem Ausgelachtwerden: http://www.psychologie.uzh.ch/perspsy/gelotophobia/
Veranstaltungshinweise
(1) Internationale Summer School zu Humor und Lachen von 05.-10.07.2010 in Boldern (Schweiz): http://humoursummerschool.org/10/
(2) Internationaler Humorkongress 2010 in Bad Zurzach (Schweiz): http://www.humor-badzurzach.ch/home.html
Buchtipps
(1) Martin, R. A. (2007). The psychology of humor: An integrative approach. Burlington, MA: Elsevier Academic Press.
(2) Raskin, V. (Ed.) (2008). The primer of humor research. Berlin: Mouton de Gruyter.
(3) Ruch, W. (Ed.) (2007). The sense of humor: Explorations of a personality characteristic. Berlin: Mouton de Gruyter.
(4) Ruch, W. & Zweyer, K. (2001). Heiterkeit und Humor: Ergebnisse der Forschung. In Hirsch, R.D., Bruder, J. & Radebold, H. (Hrsg) Heiterkeit und Humor im Alter. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, Band 2. Chudeck-Druck, Bornheim-Sechtem.
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Dr. René Proyer:
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