Netzwerke - strategische Erfolgsposition für Mitglieder und Unternehmen
Von Dr. Sollberger Bettina Anne und Prof. Dr. Clases ChristophKategorie: Ausgewählte Themen, Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, Wirtschaft, Wissenschaft
Netzwerke haben in den vergangenen Jahren sowohl für die akademische Forschung als auch für die betriebliche Praxis an Bedeutung gewonnen. Wachsende Komplexität und Dynamik der Märkte führen zu einer erhöhten Durchlässigkeit von Organisations- und zu einer Aufweichung traditioneller Produkte- und Branchengrenzen. Merger, strategische Allianzen, Zuliefernetzwerke und virtuelle Unternehmen prägen zunehmend das heutige Wirtschaftsgeschehen und führen dazu, dass sich Grenzen zwischen Betrieben, Unternehmen und Branchen verschieben oder zum Teil gar auflösen. Um den Anforderungen einer „Wissensgesellschaft“ gerecht zu werden, brauchen sowohl Unternehmen als auch die einzelnen Mitarbeitenden zwingend Zugang zu dem für sie erfolgskritischen Wissen. In diesem Zusammenhang werden sozio-technische Netzwerke für die Wirtschaft immer wichtiger. Oftmals spezialisieren sich Unternehmen in wissensintensiven Branchen auf die Integration externer Wissensquellen, da der Wissensbedarf unternehmensintern allein nicht mehr abgedeckt werden kann. Aufgrund sich verkürzender Innovationszyklen, eines wachsenden Wettbewerbsdrucks im Zuge der Globalisierung, aber auch aufgrund begrenzter Budgets für Forschung und Entwicklung, wird die Kooperation und Kommunikation innerhalb und zwischen Unternehmen sowie die Integration diverser Wissensquellen immer bedeutsamer.1
Persönlicher und organisationaler Mehrwert dank Kooperationen
Das „Networking“ wird oftmals mit Innovation und organisationalem sowie persönlichem Lernen der einzelnen Teilnehmer assoziiert. Dies nicht zuletzt auch aus der Überlegung, dass im Rahmen der in Netzwerken stattfindenden Kooperationen neben explizitem insbesondere auch implizites Wissen, Know-how, Erfahrungen sowie Best Practice Cases ausgetauscht werden, um gemeinsam neue Lösungsansätze zu erarbeiten. Im Gegensatz zu formalen Gefässen des Austauschs bieten informelle Netzwerke bereits gefilterte und damit häufig in hohem Masse handlungsrelevante Informationen und Wissensressourcen. Generelles Ziel eines Netzwerkes ist es dann auch, das Wissen und die Fähigkeiten der Mitglieder zusammenzuführen, gegenseitig voneinander zu lernen und somit Synergieeffekte zu realisieren. Ergebnisse verschiedener Untersuchungen haben die Annahme bestätigt, dass die Zusammenarbeit in Netzwerken für die einzelnen Mitglieder, aber auch für deren Organisationen, zu einem nachweisbaren Mehrwert führen: In gelingenden Kooperationen entwickeln die Teilnehmer ihre Persönlichkeit sowie Kompetenzen weiter und erhalten Raum für informelles Lernen. Für Organisationen erzeugen Kooperationen Effizienz und Qualität und bilden – so die Rahmenbedingungen „fehlerfreundlich“ gestaltet sind – ein Klima, aus dem neue Ideen hervorgehen. Unternehmensübergreifende Netzwerke ermöglichen nachweislich eine Steigerung der Innovationskraft. Der strategische Wert netzwerkförmiger Kooperation resultiert im Wesentlichen aus der synergetischen Verknüpfung von Wertschöpfungsketten und damit verbundenen positiven Kosten-, Qualitäts- und Zeitwirkungen. Kooperationen können daher als entscheidendes Strategieelement zur Stärkung der persönlichen Beschäftigungs- sowie der organisationalen Wettbewerbsfähigkeit angesehen werden.2
Erfolgsfaktoren von Netzwerken
Nicht unterschätzt werden dürfen allerdings organisatorische und persönliche Investitionen, welche sich aus dem Aufbau und der kontinuierlichen Pflege von Netzwerkbeziehungen ergeben. Folgende Bezugsgrössen haben sich für das Management von und die Kooperation in Netzwerken als erfolgskritisch erwiesen.
- Die Mitglieder eines Netzwerkes müssen gemeinsame Zielvorstellungen und Visionen besitzen.
- Das Netzwerk braucht “Kümmerer”, die z.B. regelmässig Zusammenkünfte organisieren und als Ansprechpersonen für die Teilnehmer und deren Anliegen zur Verfügung stehen.
- Erfolgreiche Netzwerke zeichnen sich durch wechselseitige Vertrauensverhältnisse aus. Insbesondere der Transfer von Erfahrungswissen oder die Analyse kritischer Prozesse oder Projekte bedingen ein hohes Vertrauen unter den Beteiligten.
- Die Mitglieder eines Netzwerkes müssen, um Vertrauen aufbauen zu können, bereit sein, Vorleistungen zu erbringen, welche sich nicht zwingend kurzfristig, aber doch langfristig „amortisieren“. Hierfür braucht es innerhalb von Netzwerken Reziprozitätserwartungen, d.h. die Perspektive, dass sich mein Engagement in einem Netzwerk wertgeschätzt und „on the long run“ durch das anderer „belohnt“ wird.
- In erfolgreichen Netzwerken werden Austausch und Kontakt kontinuierlich gepflegt.
- Kooperationen bedingen eine gemeinsame Sprache, wobei direkte, persönliche Kommunikationsformen gerade für den Aufbau eines „Common Ground“ von hoher Relevanz zu sein scheinen.
- Die Mitglieder sollten sich daher für längere Zeit eine Selbstverpflichtung zur Aktivität im Netzwerk eingehen, da erst eine kontinuierliche Teilnahme die Basis für eine erfolgreiche Kooperation darstellt.3
Netzwerke in der Schweizer Wirtschaft
Netzwerke finden sich in nahezu allen Branchen und sowohl innerhalb als auch zwischen Unternehmen sowie weiteren Wissensquellen wie Kunden, Lieferanten oder öffentliche Veranstaltungen. Schweizer Unternehmen sind in ein im internationalen Vergleich in ein sehr dichtes Netzwerk eingebunden. Jedoch zeigt sich, dass die Kooperation zwischen Wissenschaft und Unternehmen bisher ungenügend genutzt wurden. In Anbetracht des in Hochschulen und Forschungsinstitutionen gespeicherten und verfügbaren aktuellen Wissens ist dieser Umstand erstaunlich und für die Innovationsaktivitäten einer Volkswirtschaft sogar problematisch, da wesentliche Wissensquellen vernachlässigt werden.4
Im Bundgesetz über Fachhochschulen steht denn auch fest, dass die einzelnen Hochschulen anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung zu betreiben und damit die Verbindung zur Wissenschaft und zur Praxis zu sichern haben. Zusätzlich werden die Hochschulen aufgefordert, ihre Forschungsergebnisse der Praxis zugänglich zu machen.5 Das eröffnet Optionen für sogenannte transdisziplinäre Kooperationen, in denen im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis – und durch den Beitrag von unterschiedlichen Perspektiven – neues Wissen erzeugt wird. Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie und diese entstehen daher auch immer aus einer erfolgreichen Praxis der Kooperation von unterschiedlichen Expertiseträgern.
Das ConActivity Lab - Austausch zwischen Angewandter Wissenschaft und Praxis
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen hat die Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz im März 2009 gemeinsam mit rund 40 Praxisvertretern erfolgreich das Netzwerk “ConActivity Lab” lanciert. Die Hochschule für Angewandte Psychologie ist als einzige Hochschule der Schweiz mit dem spezifischen Schwerpunkt Arbeits- und Organisations- und Personalpsychologie positioniert. Der Claim lautet dementsprechend auch: Psychology at Work!
Das Institut für Kooperationsforschung und -entwicklung (ifk) ist Teil der Hochschule für Angewandte Psychologie und fokussiert seine Arbeit im Rahmen der anwendungsorientierten Forschung, der Weiterbildung und der Dienstleistung auf die Analyse, Bewertung und Gestaltung der vielfältigen Formen der Zusammenarbeit in Arbeit und Organisation. Im Zentrum des Interesses stehen Themen wie
- der bewusste und gezielte Umgang mit Erfahrung und Wissen in Organisationen,
- die Gestaltung von Kooperationsbeziehungen, die über Organisationsgrenzen hinausreichen,
- die interkulturelle Zusammenarbeit in Teams und Organisationen
- der Einsatz Neuer Medien in Arbeit und Bildung
Diese Themen bilden daher auch die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit im ConActivity Lab. Diese Arbeit schafft einen gemeinsamen Erfahrungsraum, Verknüpfungen und Anschlussfähigkeit zwischen Wissenschaft und Praxis sowie ein bewusst gesteuertes und geschütztes Experimentierfeld, eben ein „Lab“, in dem im Dialog Neues entstehen kann.
Abbildung 1: ConActivity Lab - Netzwerk zwischen Hochschule und Unternehmen
Nutzen des ConActivity Lab
Das ConActivity Lab steht also für praxisorientiertes Lernen, Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer zwischen angewandter Wissenschaft und Praxis sowie für das Networking von Führungskräften und Fachspezialisten der Schweizer Wirtschaft. Das ConActivity Lab richtet sich an Praxisvertreter, die eigene Methoden und Konzepte zur Gestaltung der unternehmensinternen wie -externen Kooperationen mit anderen Unternehmen vergleichen, diskutieren und verbessern wollen. Das ConActivity Lab bietet die Chance, in exklusiven Veranstaltungen zu unterschiedlichsten Themen aus dem Bereich Kooperation von innovativen Schweizer Unternehmen zu lernen und von neusten, für die Praxis relevanten Forschungsergebnissen zu profitieren. Unter anderem werden im Rahmen einer kollegialen Fallberatung Fragestellungen aus dem Berufsalltag einzelner Mitglieder ins Lab eingebracht, für die gemeinsam mit den Kooperationspartnern sowie weiteren Experten aus der Praxis und der Wissenschaft Lösungen erarbeitet werden.
Weitere Informationen zum ConActivity Lab sind unter http://www.fhnw.ch/aps/conactivity-lab oder bei Bettina Sollberger (bettina.sollberger@fhnw.ch) erhältlich.
Literatur
Bundesgesetz über die Fachhochschulen (Fachhochschulgesetz, FHSG) (2007): vom 6. Oktober 1995 (Stand am 1. Januar 2007). [Online] URL: http://www.admin.ch/ch/d/sr/4/414.71.de.pdf, 16. April 2009.
Denison, Katrin (2005): Netzwerke - Kontaktbörse oder auch ein Ort der Weiterbildung? In: Wirtschaftspsychologie aktuell (2005) Nr. 2, S. 10-13.
Endres, Egon (2001): Erfolgsfaktoren des Managements von Netzwerken. In: Howaldt, Jürgen; Kopp, Ralf & Flocken, Peter (Hrsg.): Kooperationsverbünde und regionale Modernisierung. Theorie und Praxis der Netzwerkarbeit. Gabler Wiesbaden, S. 103-117.
Enkel, Ellen (2006): Netzwerke werden immer wichtiger für Schweizer Unternehmen. In: Alma: das Alumni-Magazin der Universität St. Gallen Juli (2006), Nr. 3, S. 10-13.
2 Vgl. Enkel, E. (2006), S. 10f.; Denison, K. (2005), S. 11
3 Vgl. Endres, E. (2001), S. 104ff.; Denison, K. (2005), S. 12f.
4 Vgl. Enkel, E. (2005), S. 11
5 Vgl. Bundesgesetz über die Fachhochschulen (2007), S. 6
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Dr. Sollberger Bettina Anne: Studium der Betriebswirtschaftslehre, Pädagogischen Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie sowie Psychopathologie an der Universität Bern. Berufsbegleitende Promotion zum Thema Wissenskultur. Mehrere Jahre als Leiterin Wissensmanagement der Schweizerischen Post tätig. Seit 2008 Leiterin Weiterbildung an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW.
Institution:
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie, Institut für Kooperationsforschung & Entwicklun
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Prof. Dr. Clases Christoph:
Studium der Psychologie, Philosophie und Linguistik in Hamburg. Wissenschaftliche Lehr- und Forschungstätigkeiten an der TU Hamburg-Harburg, der Universität Kiel, der ETH Zürich, der Universität Zürich sowie der Universität St. Gallen. Seit 2006 Leiter des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung (ifk) an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW.
Institution:
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie, Institut für Kooperationsforschung & Entwicklun
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